Erfahrungsberichte

Lesen Sie hier Geschichten aus unserem Alltag, verfasst von haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, Unterstützern, Flüchtlingen...

Sr. Regina Stallbaumer ist Seelsorgerin in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Sie ist selbst in dieser schwierigen Zeit der Corona-Pandemie in Eisenhüttenstadt für Geflüchtete da.

Auf dem Hof der Erstaufnahmeeinrichtung begegne ich Frau K. Glücklicherweise sprechen wir beide Französisch und kommen ein wenig ins Gespräch. Frau K. fasst Vertrauen. Eine Woche später sehen wir uns wieder. Frau K. erzählt von ihrer schweren Immunerkrankung und wie sie in die Hände von Menschenhändlern geraten ist, es dann aber doch geschafft hat, zu fliehen. Sie erzählt von ihren Kindern, die noch im Herkunftsland sind, von ihrer Angst vor der Abschiebung und ihren schlaflosen Nächten. Sie hofft, arbeiten zu dürfen und bald in eine kleinere Unterkunft verteilt zu werden. Zu ihren sonstigen Sorgen kommt nun auch noch die Angst vor einer möglichen Corona-Infektion hinzu.

Zwischendurch steigen die Tränen in ihre Augen. Verzweiflung ist deutlich spürbar. Es gut ihr tut, dass jemand da ist, um über ihre Situation zu reden, jemand, die zuhört und mitträgt. Frau K. ist Christin. Ihr Blick richtete sich nach oben: „Nur Gott kann helfen.“ Ihr Glaube ist eine wichtige Kraftquelle in ihrer belastenden Situation. Sie möchte gerne in der Bibel lesen und fragt mich nach einer Bibel in ihrer Muttersprache. Ich gebe ihr gerne eine. Die Situation von Frau K. ist nicht gelöst, doch scheint sie etwas ruhiger, etwas erleichterter zu sein, als ich gehe.

Eine Woche später zeigt Frau K. mir einen Brief, den sie nicht versteht. Es ist ein negativer Bescheid. Ich übersetze ihr die wesentlichen Inhalte. Frau K. ist empört. Offensichtlich ist etwas schiefgelaufen. Ich begleite sie zur Fachberaterin, die sie darin unterstützt, ihre Rechte geltend zu machen. Frau K. ist dankbar für diese Hilfe, als wir uns verabschieden. Voraussichtlich werden wir uns in der kommenden Woche wieder sehen – vorausgesetzt, sie ist nicht schon in eine andere Unterkunft verlegt worden.

Sr. Regina Stallbaumer sa, April 2020

Seit 2017 leben Pater Ludger Hillebrand SJ und Pater Lutz Müller SJ in Essen mit 8 Geflüchteten zusammen.

Wir bilden einen gemeinsamen Haushalt. Organisation, Reinigung, Einkauf, Wäsche, Alltag: das alles machen wir miteinander. Die Geflüchteten haben jeweils ein Einzelzimmer. Unser Haus, ein ehemaliges Pfarrhaus, hat eine geräumige Wohn-Ess-Küche, in der sich das Leben des Hauses zentral ereignet: Kochen und Essen müssen alle! Die 8 Männer stammen aus vielen Ländern: Syrien, Libanon, Guinea, Somalia, kleiner und großer Kongo. Die Haussprache ist überwiegend deutsch. Während die Männer in verschiedenen Stadien ihres Asylverfahrens sind, lernen die meisten noch Deutsch, einige arbeiten. Einer macht eine Ausbildung zum Bäcker: Er hat extreme Arbeitszeiten von 23 bis 9 Uhr. Ein anderer Bewohner liefert Pakete aus und fährt mit dem Transporter durch die Stadt. Wieder andere machen Qualifizierungsmaßnahmen unter der Regie des Jobcenters.

In Zeiten von Corona wirkt sich das folgendermaßen aus. Wer systemrelevant arbeitet, darf bekanntermaßen weiterhin arbeiten. Der Paketlieferer freut sich die ganze Zeit! Er trifft jetzt praktisch alle Empfänger zuhause an und wird schnell seine Pakete los! Auf der Autobahn kommt er zügig voran, weil es keinen Berufsverkehr mit erhöhtem Verkehrsaufkommen mehr gibt. In der Innenstadt gibt es keine PKW Schlangen mehr, weil ohnehin kaum noch jemand unterwegs ist.

Unser Bäckerlehrling kommt in den Genuss neuer Arbeitszeiten. Während früher alle nachts backen mussten, hat der Chef nun zwei Teams gebildet als Vorsichtsmaßnahme: Es gibt nun zwei kleine Gruppen anstelle von einer großen. Und ein solches Team backt tagsüber – falls es einen Infektionsfall geben sollte, muss er nicht alle Backenden gleichzeitig in Quarantäne schicken! Dadurch darf unser Lehrling nun tagsüber backen und kann nachts schlafen! Die beiden profitieren von der Situation.

Diejenigen, die zur Schule oder zur Maßnahme des Jobcenters gehen, sitzen hingegen zu Hause fest. Dabei möchten sie doch gerne etwas lernen! Sie haben gar nichts mehr zu tun. So verschieden sind die Situationen.

Lutz Müller SJ, April 2020

Wann ist ein Christ ein Christ?

Gibt es in der Islamischen Republik Iran Menschen, die sich zum Christentum bekehren? Natürlich. Auch im Iran gibt es Bibeln, die unter der Hand verteilt werden, viele Menschen sind vom intoleranten Mullah-Regime abgestoßen. Kommt dann noch eine existenzielle Krise dazu, dann „spricht Jesus“ auch im Iran „direkt zu mir“. Zudem gibt es Hauskirchen, in denen sich Gleichgesinnte treffen und nach dem Vorbild von Basisgemeinden überlegen, was das Wort Gottes für sie, in ihrem Alltag, bedeutet. Alles ist sehr einfach, sicherlich mit nichts von dem vergleichbar, was in Deutschland als christlich gilt.

Hin und wieder fliegen solche Hauskirchen auf, denn die Religionspolizei schläft nicht. Wer nicht verhaftet wird, entzieht sich derselben durch Flucht. So auch Ali, der eigentlich anders heißt. Er kam im Jahr 2016 nach einer langen Odyssee durch mehrere Staaten in Deutschland an. Im ersten Aufnahmelager waren evangelikale Christen aktiv und fragten, ob er die Taufe wollte. Er wusste, dass die Taufe wichtig ist „um ganz zu Jesus zu gehören“. Deshalb ging er mit und wurde getauft.

Im zweiten Aufnahmelager suchte er sich die nächstgelegene Kirche, dieses Mal eine protestantische, und feierte dort Weihnachten. Als die Behörden ihn in sein Erstaufnahmeland zurückschieben wollten, kam er in ein katholisches Kirchenasyl.

Eine derartig „bunte“ Geschichte weckte Misstrauen bei den Behörden. Das Bundesamt erkannte immerhin an, dass er ein glaubhaftes Gebetsleben führt – meinte aber, dass er dies auch im Iran führen könne, indem er sich in seinem Zimmer einschließt. Eine Kirche brauche es dazu nicht. Das Verwaltungsgericht hingegen bezweifelte auch die Echtheit des Gebetslebens und Glaubens – weil er, unter anderem, den Unterschied zwischen der katholischen Eucharistie und dem protestantischen Abendmahl nicht schlüssig erklären konnte. Ihm wurde unterstellt, dass er im Iran lediglich deshalb zum Christentum konvertiert sei, um in Deutschland die Annehmlichkeiten des Asyls erhalten zu können.

Ali ist ein einfacher Mensch. Ihm eine derart gedrechselte Kalkulation zu unterstellen zeugt von keinerlei Menschenkenntnis. Ali kennt seine Bibel, er betet regelmäßig, er liebt die Person Jesu. Paulus ist ihm zu hoch, von konfessioneller Korrektheit versteht er wenig. Für ihn ist wichtig, ob die Menschen nett sind und einander helfen – kurzum: ob sie als Christen leben. Er jedenfalls gehört zu den freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich kenne.

Ali ist für mich ein mustergültiger Christ. Er lebt so, wie wir alle leben sollten und wie der Papst die Kurie in seiner Weihnachtsansprache ermahnt hat: Eine gesunde Glaubenshaltung ist „jene, sich von den Herausforderungen der heutigen Zeit befragen zu lassen und sie mit den Tugenden der Unterscheidung, der parrhesia und der hypomoné [Freimut und Geduld] aufzugreifen.“ Eine Antwort aus dem Glauben auf die Herausforderungen unserer Zeit scheint auch mir wichtiger als konfessionelles Wissen und die Praxis des „richtigen“ Gebets. Insofern ist Ali für mich auch ein vorbildlicher Christ, der mir immer wieder vor Augen führt, worauf es eigentlich ankommt.

Ein Begleiter, Februar 2020

Vier Jahre lang hat Schwester Maria Stadler MC ehrenamtlich beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Bayern mitgearbeitet. Jede Woche ist sie mit Bruder Dieter Müller SJ in bayerische Abschiebungshaftanstalten gefahren, zuletzt nach Eichstätt. Aus beruflichen Gründen gibt sie ihr Ehrenamt auf. Es begleiten sie viele Erfahrungen und unser Dank. In diesem Beitrag schaut sie zurück auf einige Erlebnisse in der Abschiebungshaft. 

Auf einmal verändert sich die Atmosphäre in der Halle der Eichstätter Abschiebungshaft. Spürbar. Die Gesichter der Männer leuchten auf, ein Lachen geht durch den Raum, Klatschen und Jubel. Wir drehen uns um und sehen, was der Grund für die allgemeine Freude ist, die ungewöhnlich ist für diesen Ort. Said F., unser iranischer Freund, wird von allen umarmt und umarmt alle: Er wird entlassen! 

Fast ein halbes Jahr lang war er in Eichstätt inhaftiert, und wir sind uns in dieser Zeit lieb geworden. Als gläubiger und praktizierender Christ ist er im Iran von staatlicher Verfolgung bedroht. Dies dem deutschen Rechtsstaat aber begreiflich zu machen, dauerte ein halbes Jahr und kam nur durch die Unterstützung seiner Familie und von vielen anderen zustande. Mit Tränen in den Augen gratulieren wir Said. Abends, als wir auf unserer Rückfahrt nach München wieder im Zug sitzen, fahren wir mit Said noch ein paar Stationen gemeinsam. Dann trennen sich unsere Wege: Er fährt in eine andere Richtung weiter, zu seiner Verlobten, die ihn schon lange erwartet. Wir haben menschgewordene Hoffnung erlebt. 

Solche Erfahrungen sind es, die Nahrung geben in dieser oft zermürbenden und scheinbar hoffnungslosen Arbeit. Wir beraten die Inhaftierten zu ihren Rechten, erklären ihnen die Gerichtsbeschlüsse und Haftpapiere. In den meisten Fällen gibt es wenig Hoffnung, dass sie aus der Haft entlassen werden und schon gar nicht, dass sie in Deutschland irgendwann mal ein Bleiberecht erhalten. Wir müssen ihnen erklären, warum Deutschland sie nicht haben will und für die Haft und den Abschiebeflug ihr mühsam gespartes Geld einbehält. Wir beraten Männer aus Nigeria, die aufgrund der europäischen Dublin-Verordnung nach Italien abgeschoben werden. Dort werden sie auf der Straße leben. Wir sind im Kontakt mit Marokkanern, Afghanen, Tunesiern, Georgiern, Tschetschenen, Irakern, Eritreern, Jesiden… mit Menschen, die in ihre Heimat ab geschoben werden. Doch für viele von ihnen meint „Heimat“ ein Land, in dem sie keine Zukunft haben, keine Familie, keine Hoffnung… Wenn wir rechtliche Chancen sehen dass die Inhaftierung beendet wird, schalten wir Anwälte ein, die in mehr als der Hälfte der Fälle auch Erfolg haben. Und hier bedeutet Erfolg, dass diese Menschen zu Unrecht inhaftiert waren. In unserem Rechtsstaat!

Die Begegnungen mit all diesen vielen Menschen berührt mich sehr. Die Geschichten und Schicksale der Einzelnen lassen mich oft fassungslos zurück. Der Einsatz für sie ist für mich fraglos und selbstverständlich. Es fällt mir schwer, aufgrund von beruflichen Gründen diesen Menschen nicht mehr begegnen zu können. Die vier Jahre sind ein Geschenk und großer Reichtum für mich. Danke, Dieter, dass ich diese Erfahrungen machen durfte.

Sr Maria Stadler MC, März 2019

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