"Wie geht eigentlich beten, Pater Holzknecht?"

Eine dumme Frage? Eigentlich nicht in einer Zeit, in der wir uns in vielen Dingen coachen lassen. Warum also nicht auch in einer Übung, von der viele nur noch eine vage Vorstellung aus der Kindheit haben, weil sie die Praxis des Betens irgendwann im Lauf des Lebens verloren haben. Zeit für eine Wiederentdeckung mit dem Leiter des Exerzitienhauses HohenEichen bei Dresden Pater Albert Holzknecht SJ.

Pater Holzknecht, ein Vaterunser aufsagen, den Rosenkranz murmeln: jeder, der betet, dürfte seine eigene Form haben, aber was ist das eigentlich: beten?

Beten ist eine Form, um mit Gott in Kontakt zu kommen, mit ihm zu reden. Aber das bedeutet nicht, nur etwas aufzusagen, es ist kein innerer Monolog darüber, was mich so bewegt. Beten ist Dialog. Das heißt, ich muss bereit sein, zu hören, besser: zu horchen, zu lauschen.

Aber wie antwortet Gott?

Meistens nicht so, wie man von Menschen Antworten erhält. Es dürfte auch selten so sein, wie bei Don Camillo, dass von oben eine Stimme zu hören ist. Ich selbst hatte jedenfalls noch keine Audition. Doch man kann beim Beten, wenn man sich dafür öffnet, etwas wahrnehmen, zu etwas hingeführt werden, das vorher noch nicht da war.

Können Sie das genauer beschreiben?

Es geht um innere Regungen und Bewegungen, die es zu erspüren und zu unterscheiden gilt. In der ignatianischen Spiritualität nennen wir das die Unterscheidung der Geister: welche dieser Regungen erfüllen mich, bringen mir Freude, spenden Trost, und welche versetzen mich in Unruhe, Unfrieden, Angst. Wenn ich das zu unterscheiden lerne und mich in diesem Unterscheiden übe, lerne ich, Gottes Antwort zu hören.

Das hört sich schwierig an.

Ist es aber eigentlich nicht. Voraussetzung ist, dass ich grundsätzlich bereit bin für diesen Dialog, und dass ich mir den Raum dafür bereite, also äußerlich und innerlich still werde. Dann muss ich nur noch lauschen.

Und wenn nichts kommt, wenn nichts zu hören ist?

Dann ist das halt so. Beten kann sich wunderbar erhaben und erfüllend anfühlen, aber es geht nicht darum, dass wir ein uns gutes Gefühl produzieren. Oft ist da Trockenheit, und ich nehme gar nichts wahr. Das kann tage- oder wochenlang so gehen.

Wie kommt man dann, bildlich gesehen, wieder ans Wasser?

Indem ich dranbleibe, auch über die Trockenheit hinweg. Indem ich es einfach mache, aushalte und mich genau in dieser Situation und in diesem Zustand vor Gott stelle. Man darf nicht denken: Mist, ich spüre nichts, jetzt lasse ich es.

Was ist die wichtigste Voraussetzung fürs Beten?

Dass man es tut. Dass man sich diesen Raum der äußeren und inneren Stille regelmäßig, am besten täglich einrichtet. Hilfreich ist ein Ritual, das kann eine Kerze sein, oder ein Bild. Oder ein besonderer Ort, zu dem man geht, wo man dann eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten in Stille geht.

Können Sie das beschreiben, was das ist: Stille?

Stille ist, wenn ich nur im Moment bin und gedanklich nicht anderswo. Das beginnt oft mit dem Körper: dass ich hinspüre auf die unterschiedlichen Bereiche. Auf meinen Atem. Dass ich Gedanken zwar nicht bewusst unterdrücke, aber wenn sie kommen, sie wieder ziehen lasse. Ich kann mich später um sie kümmern.

Und was passiert dann?

In diese Stille hinein lausche ich. Beten kann natürlich auch Text sein, aber Beten ist sicherlich nicht plappern. Wie in jeder guten Beziehung gehört auch zu gelingender Kommunikation mit Gott, dass man schweigt. Der Heilige Geist kommt ja meistens nicht mit Donner oder in Feuerzungen vom Himmel, sondern wie beim Propheten Eliah oft als ein sanftes Säuseln.

Was genau ist dann dieses Säuseln?

Das ist für jeden anders und tief persönlich. Das kann eine Erkenntnis sein, ein neuer Impuls, eine neue Sichtweise, ein versöhnendes Gefühl, ein Trost, neuer Mut, jede innere Regung oder Bewegung.

Oft sind wir im Alltag doch von unzähligen Gedanken erfüllt, empfinden Druck und Stress, wie soll man da ein Säuseln wahrnehmen können?

Natürlich gelingt Stille nicht immer. Wenn ich unter Stress bin und das auch im Gebet nicht abstellen kann, dann muss ich mich aber von meiner Unruhe nicht unbedingt beunruhigen lassen. Ich kann sie auch so sein lassen, wie ich sie empfinde und mich und meinen gegenwärtigen Zustand betrachten. Ich kann mich so vor Gott bringen: schau her, so bin ich gerade. Vielleicht finde ich dann im Laufe des Tages noch einmal eine Gelegenheit zu beten, dann kann ich schauen, ob sich etwas verändert hat.

Stichwort Bitt-Gebete: darf man Gott eigentlich um alles bitten, auch um den Lottogewinn?

Ja sicher, man darf nur nicht erwarten, dass er das auch erfüllt. Eher sollte man darauf hinspüren, warum man genau darum bittet. Und dann versuchen, die Geister zu unterscheiden.

Wie lange sollte man beten?

Bei Exerzitien sind es vier Gebetszeiten pro Tag. Im Alltag sicher weniger. Es kommt nicht auf die Dauer an, sondern auf die Regelmäßigkeit. Man kann das mit dem Erlernen eines Musikinstruments vergleichen oder einer Sprache: es ist nicht wichtig, ob es am Anfang gleich gut klingt, man sollte aber regelmäßig üben, üben, üben.

Das hört sich nach Fitness-Studio an.

Den Vergleich hat vor 500 Jahren schon der heilige Ignatius gezogen und seine geistlichen Übungen, die Exerzitien, bewusst in Analogie zu Leibesübungen beschrieben.

Mit dem Unterschied, dass ich den Erfolg der Mucki-Bude im Umfang des Bizeps messen kann.

Den Erfolg gelingenden Betens erkenne ich in innerer Freude und innerem Frieden.

Wie beten Sie persönlich?

Morgens, etwa zwanzig Minuten. Ich zünde eine Kerze an, lese das Evangelium. Die regelmäßige Schriftbetrachtung ist ein wichtiges Element meiner Spiritualität. Dabei versuche ich, die biblischen Szenen lebendig werden zu lassen und mich selbst in sie hineinzuversetzen. Dann bleibe ich in Stille und lausche. Am Abend halte ich einen Rückblick auf den Tag. Das mein Beten im Alltag. Was ich außerdem sehr mag, ist das Gebet in der Natur. Ich bin ich Südtirol aufgewachsen und den Bergen sehr verbunden. Wenn ich nach einer anstrengenden Zeit auftanken will, gehe ich in die Berge – um Gott näher zu kommen. Ich kann nur wiederholen, was der ehemalige Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher sagte: „Viele Wege führen zu Gott. Einer geht über die Berge.“

Welche Bedeutung hat Beten heutzutage in einer mehr und mehr säkularen Welt, wieso kommen Menschen zu Ihnen und wollen besser beten lernen?

Ich denke, dass Spiritualität für Menschen generell sehr wichtig ist, dass viele dafür aber keine rechte Form mehr haben. Das Leben kann sehr schnell in eine andere Richtung gehen als ich es mir vorgestellt habe. Und es ist bei vielen Dingen im Leben nicht die rein rationale Liste mit Vorteilen und Nachteilen, die mir die innere Gewissheit gibt, was richtig für mich ist. Ich erlebe in meinen Gesprächen immer wieder, wie wertvoll es Menschen empfinden, eine Beziehung, eine Offenheit gegenüber Gott, dem Göttlichen, der Kraft des Geistes zu pflegen, und wie sehr wir Menschen das brauchen: dass wir nicht zurückgeworfen sind auf uns allein und das rein Materielle. Sondern dass wir die Perspektive darüber hinaus haben. Gebet übt und pflegt diese Perspektive.

Interview: Gerd Henghuber

Mehr erfahren im Video: Was sind Exerzitien?


Tipps für Einsteiger ins Beten

  1. Richten Sie sich ein Ritual ein.
    Reservieren Sie sich Zeit für Ihr Beten und richten Sie sich dafür ein Ritual ein: Zünden Sie eine Kerze an oder stellen Sie ein Bild auf, das Sie berührt. Vielleicht wollen Sie einen bestimmten Ort aufsuchen, Ihren persönlichen Gebetsplatz: das kann drinnen sein, in einer Kapelle vielleicht, oder draußen in der Natur. Überlegen Sie sich, wann es für Sie am besten in den Alltag passt. Sie müssen nicht dreimal am Tag und auch nicht unbedingt jeden Tag beten. Aber Sie sollten es regelmäßig tun. Das erfordert ein wenig Disziplin, aber dadurch wird Beten Teil Ihrer automatischen Tagesroutine.
     
  2. Nutzen Sie Ihren Körper.
    Innere Ruhe und Stille gehen oft vom Körper aus. Spüren Sie in sich hinein, in die unterschiedlichen Bereiche Ihres Körpers. Achten Sie auf Ihren Atem, atmen Sie tief, langsam und bewusst. Versuchen Sie, in Ihrem Körper zu ruhen und auf diese Weise nur im Moment zu sein. Lassen Sie die Gedanken vorbeiziehen. Nach einiger Zeit werden Sie ruhiger werden und bereit zu horchen.
     
  3. Nutzen Sie einen Textimpuls.
    Das kann die Lesung oder das Evangelium des Tages sein oder ein anderer religiöser Text. Lesen Sie ihn und schauen Sie, ob irgendetwas darin Sie berührt, etwas in Ihnen zum Schwingen kommt. Wiederholen Sie einen Vers oder ein Wort und nehmen Sie wahr, was das auslöst in Ihnen. Versuchen Sie, darüber mit Gott ins Gespräch zu kommen.

    Tipp für den täglichen Gebetsimpuls: 
    Te Deum der Benediktiner von Maria Laach
     
  4. Bleiben Sie geduldig mit sich.
    Wenn Sie nicht zur Stille kommen, dann brechen Sie nicht ab. Schauen Sie sich Ihre Unruhe an, wie fühlt sie sich an? Bringen Sie Ihre Unruhe vor Gott.
     
  5. Bleiben Sie dran.
    Es ist nicht wichtig, wie lange Sie beten. Wichtig ist, dass Sie es tun. Machen Sie es auch über trockene Strecken hinweg, in denen es Ihnen schwerfällt. Nur Übung macht den Meister, das gilt für Körperübungen genauso wie für geistliche Übungen.

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