Sabbi, du verlässt Wünsdorf nach 21 Monaten intensiver Arbeit. Nicht nur als Flüchtlingsberater mit einem starken seelsorgerischen Schwerpunkt, sondern auch als Sprachkursleiter und Arbeitsmarktbegleiter. Viele würden das als drei verschiedene Jobs beschreiben. Für dich scheint es eine ganzheitliche Aufgabe zu sein. Kannst du uns erzählen, wie das alles zusammenhängt?
Für viele Menschen von außen sieht es vielleicht aus wie drei verschiedene Jobs – der Flüchtlingsberater und Seelsorger hier, der Deutschlehrer dort, der Arbeitsmarktbegleiter irgendwo anders. Aber für mich ist das in Wahrheit eine Aufgabe, die nicht teilbar ist. Seelsorge bedeutet für mich nicht nur, mit jemandem über seinen Glauben oder seine persönlichen Probleme zu sprechen. Seelsorge heißt, einen Menschen als ganzen Menschen zu sehen – mit seiner Geschichte, seinen Träumen, seinen Ängsten und seinen Fähigkeiten. Es bedeutet, diese Person auf ihrem Weg zu begleiten, überall dort, wo dieser Weg sie hinführt.
Wenn jemand neu in Wünsdorf ankommt, spricht er oder sie oft kein Deutsch. Die Sprache ist die erste Barriere, die zwischen mir und diesem Menschen steht. Aber die Sprache ist auch meine Tür zu ihm oder zu ihr. Wenn ich im Deutschunterricht sitze, unterrichte ich nicht nur Grammatik und Vokabeln – ich öffne einen Raum, in dem Menschen anfangen zu verstehen, dass sie hier ankommen können, dass sie Teil dieser Gesellschaft werden können. Der Deutschunterricht ist die Brücke zum Vertrauen. Und wenn dann ein Mensch nach Monaten die Sprache beherrscht, kommt die nächste Frage: Wie baue ich mir ein Leben auf? Wie finde ich Arbeit? Wie werde ich eigenständig? Das ist nicht weniger seelsorglich als ein tiefes Gespräch über Angst oder Hoffnung. Weil es um Würde geht – um die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, sich selbst zu verwirklichen, nicht abhängig von Almosen zu sein. Die drei Dinge – Sprache, Arbeit, Seelsorge – hängen zusammen, weil sie alle der gleichen Frage dienen: Wie helfe ich diesem Menschen, die Ressourcen zu entwickeln, um sein Leben selbst zu gestalten, um Hoffnung nicht nur zu hören, sondern zu erleben?
Als Afrikaner mit eigener Migrationsgeschichte verstehe ich das aus meinem Herzen heraus. Ich weiß, was es bedeutet, anzukommen und alles verloren zu haben – die Sprache, den Beruf, die soziale Position. Ich weiß, wie wichtig es ist, dass jemand dir Mut zuspricht. Aber ich weiß auch: Echte Hoffnung entsteht erst, wenn man die ersten Schritte gehen kann – wenn man eine Prüfung besteht, wenn man zu einem Bewerbungsgespräch geht, wenn man die eigenen Fähigkeiten wieder einsetzen kann.
Du bist vom ersten Moment an mit Pater Jan Korditschke eine Partnerschaft eingegangen – wie hat diese Zusammenarbeit eure seelsorgliche Arbeit geprägt?
Meine Zusammenarbeit mit Pater Jan war von Anfang an geprägt durch das, was ich "komplementäre Unterschiedlichkeit" nennen würde. Pater Jan ist Deutscher, ich bin Afrikaner mit Migrationsgeschichte. Das ist nicht einfach ein formaler Unterschied, das prägt, wie wir die Menschen verstehen und wie wir ihnen begegnen. Es gibt Momente, in denen ein Bewohner oder eine Bewohnerin aus einem afrikanischen Land mit einem Anliegen zu mir kommt. Vielleicht geht es um Konzepte von Familie, von Respekt vor Ältesten, von spirituellen oder kulturellen Dingen, die in einer anderen Gesellschaft verwurzelt sind. Ich kenne diese Welt aus eigenem Erleben. Ich kann unmittelbar verstehen, was diese Person durchmacht. Ich kann auch das übersetzen – nicht nur Worte, sondern kulturelle Welten.
Umgekehrt bringt Pater Jan eine tiefe theologische Ausbildung, eine lange Erfahrung in der Seelsorge und ein Verständnis der deutschen Gesellschaft mit, das ich erst noch aufbauen muss. Von ihm habe ich enorm viel gelernt – über Theologie, über Geduld, über die Subtilität seelsorglicher Begegnungen. Das Schöne war, dass wir diese Unterschiede nicht als Konkurrenz erlebt haben, sondern als Bereicherung. Wenn wir Gottesdienste organisiert haben, konnte ich übersetzen und die Menschen ermutigen, teilzunehmen. Jan konnte den tieferen theologischen Inhalt vermitteln. Wenn es um schwierige Einzelgespräche ging, haben wir manchmal zusammen nach Lösungen gesucht – jeder mit seiner Perspektive, seinem Wissen, seiner Sensibilität. Diese Partnerschaft hat mich gelehrt, dass Seelsorge nicht etwas ist, das eine Person allein leistet. Es geht darum, dass Menschen sich von verschiedenen Seiten gesehen, verstanden und begleitet fühlen. Und es geht darum, dass diese Verschiedenheit keine Schwäche ist, sondern Kraft.
Kannst du uns eine Geschichte erzählen, bei der Sprache zur Seelsorge wurde, wo das Deutschlernen das Leben eines Menschen wirklich verändert hat?
Als ich im Januar 2025 meine Arbeit begann, kam dieser junge Mann zu mir. Er war aus einem afrikanischen Land, sehr isoliert, zog sich vor anderen Menschen zurück. Er hatte kein Deutsch gelernt, sprach nur seine Muttersprache, und ich merkte: Diese Isolation war auch existenziell, er war gefangen in seiner Angst, seiner Ungewissheit, seiner Fremdheit. Ich habe ihn angesprochen. Nicht mit einer offiziellen Frage, sondern einfach menschlich. Ich habe ihm von meinem Weg erzählt, davon, dass Sprache eine Tür öffnet. Dass gute Deutschkenntnisse nicht nur praktisch wichtig sind, sondern dass sie ihm helfen würden, Mensch zu sein in dieser neuen Umgebung. Nicht nur überlebensfähig, sondern lebendig. Er hat das verstanden. Er ist zu unserem Deutschkurs gekommen und das war der Anfang einer Transformation, die ich über 21 Monate beobachtet habe.
Im Unterricht saß er neben anderen Menschen. Sie haben zusammen gelacht, wenn jemand einen dummen Fehler machte. Sie haben gelernt, dass Fehler machen keine Schande ist, sondern Teil des Lernens. Sie haben angefangen zu reden. Zuerst stockend, dann immer flüssiger. Und während die Worte kamen, kam auch das Vertrauen. Dieser junge Mann hat die A1-Prüfung bestanden und bekam einen Platz im BAMF-Integrationskurs. Er arbeitete hart, bestand seine B1-Prüfung, machte ein Praktikum. Aber das Wichtigste war, dass er nicht mehr allein war. Er hatte Freunde gefunden. Er hatte gemerkt, dass seine Fähigkeiten wertvoll waren. Er hatte angefangen, eine Zukunft zu sehen. Heute lernt er B2-Deutsch und möchte eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer machen. Aber was mich am meisten bewegt ist, dass dieser Mensch, der mir im Januar 2025 zu mir kam, dass er gelernt hat zu lächeln. Er hat gelernt zu hoffen. Das ist Seelsorge für mich.
Du sprichst von schweren Momenten – von Menschen, denen du nicht helfen konntest. Welche Grenzen hat dich am meisten bewegt?
Es gab einen Moment, der mir gezeigt hat, dass meine Arbeit an Grenzen stößt. Grenzen, die ich nicht überschreiten kann. Es war im Juli dieses Jahres. Ein junger Mann aus einem Land, das als "sicher" klassifiziert wird – auch wenn das für ihn nicht so war. Er hatte B2-Deutschkenntnisse erreicht. Er hatte anerkannte Abschlüsse. Er hatte eine Weiterbildung gemacht und bekam danach – endlich! – einen echten Arbeitsvertrag. Er hatte Freunde gefunden. Er hatte angefangen, sich ein neues Leben aufzubauen, Stück für Stück. Und dann wurde er abgeschoben.
Das war für mich einer der schwierigsten Momente dieser Zeit. Nicht weil ich naiv war – ich weiß, dass Abschiebungen passieren. Aber weil ich sehen musste, dass alles, was dieser Mensch und ich gemeinsam aufgebaut hatten, nicht ausreichte. Die Sprache, die Qualifikationen, der Arbeitsvertrag, die Hoffnung – es schützte ihn nicht. Das hat mir gezeigt, dass es Grenzen gibt, die ich als Seelsorger nicht überschreiten kann. Ich kann einem Menschen helfen, Deutsch zu lernen. Ich kann ihn ermutigen, sich eine Chance zu trauen. Ich kann mit ihm in seinen Krisen sprechen. Aber ich kann die Entscheidungen der BAMF nicht ändern. Ich kann Abschiebungen nicht verhindern. Ich kann nicht garantieren, dass Bemühung belohnt wird. Das ist eine tiefe Erfahrung von Ohnmacht gewesen. Und gleichzeitig war sie notwendig – weil sie mich gelehrt hat, dass echte Seelsorge auch bedeutet, diese Ohnmacht nicht zu beschönigen. Es bedeutet, einen Menschen nicht nur Hoffnung zu geben, sondern auch bei der Verarbeitung von Hoffnungslosigkeit da zu sein.
Was bleiben wird: Deine Hoffnung für Wünsdorf und dein Verständnis von Integration?
Wenn ich Wünsdorf verlasse, bin ich nicht pessimistisch. Im Gegenteil: Ich bin davon überzeugt, dass der JRS die richtige Person finden wird, um diese Arbeit weiterzuführen. Und Pater Jan wird weiterhin dort sein – als Seelsorger, als geistliche Präsenz, als jemand, der zeigt, dass die Kirche die Geflüchteten nicht vergessen hat. Aber ich möchte etwas sagen, das über meine Person hinausgeht: Die Arbeit in Wünsdorf hat mir gezeigt, dass Integration nicht etwas ist, das der Staat allein leisten kann und auch nicht etwas, das die Zivilgesellschaft allein leisten kann. Integration ist eine gemeinsame Aufgabe.
Der Staat muss die Strukturen schaffen, echte Sprachkurse vor Ort, nicht 60 Kilometer weit weg. Der Staat muss klare Aufenthaltsperspektiven geben und den Arbeitsmarktzugang ermöglichen. Das ist nicht optional. Aber dann braucht es auch Menschen wie die im JRS. Menschen, die sehen, dass ein Geflüchteter nicht nur ein Asylantrag ist. Menschen, die Zeit haben. Menschen, die mit Respekt zuhören können, weil sie verstehen, was es kostet, alles aufzugeben und neu anzufangen. Integration funktioniert nur, wenn es menschliche Begegnungen gibt. Wenn jemand einen Deutschen trifft, der nicht verurteilt, sondern versucht zu verstehen. Wenn Geflüchtete nicht nur Fälle sind, sondern Menschen mit Namen und Geschichten.
Meine Hoffnung für Wünsdorf ist, dass diese Seelsorge-Präsenz des JRS weiterwächst und nicht kleiner wird. Dass noch mehr Menschen die Chance bekommen, Deutsch zu lernen, begleitet von jemandem, der sie sieht. Dass Jobmessen und Arbeitsmarktintegration nicht als Extras oder Luxus gelten, sondern als zentral für würdevolle Integration. Und – was mir am Herzen liegt – dass Deutschland versteht: Migration ist nicht ein Problem, das man verwaltet oder begrenzt. Migration ist eine Realität, die es zu gestalten gilt. Und die Menschen, die neu hierherkommen, bringen mit sich nicht nur Herausforderungen, sondern auch Fähigkeiten, Hoffnung, Lebenskraft. Sie verdienen echte Integration, echte Chancen, echte menschliche Begegnung. Das ist meine Hoffnung. Und dafür lohnt sich die Arbeit.
Was nimmst du mit? Wie hat dich diese Arbeit verändert?
Diese 21 Monate haben mein Leben verändert – meinen Glauben, mein Verständnis von Seelsorge, mein Verständnis von Mitmenschlichkeit. Ich bin mit einer Vorstellung von Seelsorge gekommen: wichtige Einzelgespräche, Begleitung in Krisen, Vermittlung von Glauben. Das alles ist richtig. Aber Wünsdorf hat mich gelehrt, dass Seelsorge viel größer ist. Seelsorge ist auch, jemandem die erste Freude zurückzugeben, wenn er oder sie das erste Mal einen deutschen Satz sprechen kann – ein Satz, der keine Angst ausdrückt, sondern Hoffnung.
Seelsorge ist, neben einem Menschen bei einer Jobmesse zu sitzen und zu sagen: "Du kannst das. Sie werden deine Fähigkeiten sehen." Seelsorge ist, mit einem Menschen, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, still zu sitzen, ohne ihn zu trösten, weil in diesem Moment nur Gegenwart zählt. Ich bin auch verändert in meinem Verständnis meiner selbst. Ich bin als Afrikaner herumgewandert in einer Erstaufnahmeeinrichtung, und ich bin nicht mehr "der Ausländer". Ich bin ein Mensch, der anderen Menschen hilft, auch "Mensch" zu sein in dieser Gesellschaft. Das hat mir Würde gegeben. Das hat mir geholfen zu verstehen, dass meine eigene Migrationsgeschichte nicht etwas ist, das ich überwinden muss, sondern ein Geschenk, das ich teilen kann.
Die vielen Begegnungen mit Geflüchteten aus aller Welt haben meinen Blick erweitert. Ich habe Menschen getroffen, deren Muttersprache ich nicht spreche, deren Religion oder Kultur ich nicht teile. Und doch haben wir uns verstanden. Weil Menschen in ihrer Grundform gleich sind: Sie wollen gehört werden. Sie wollen respektiert werden. Sie wollen hoffen dürfen. Das hat meinen Glauben bereichert. Es hat mir gezeigt, dass Gott nicht nur in der Kirche ist, sondern auch im Klassenzimmer, wenn ein Mensch die erste fremde Sprache lernt. Gott ist in der Hoffnung eines Geflüchteten, der sagt: "Ich möchte arbeiten. Ich möchte selbstständig sein."
Diese Arbeit war für mich ein Privileg. Ich werde den Kontakt zu den Menschen in Wünsdorf aufrechterhalten. Ich werde mich weiterhin ehrenamtlich beim JRS engagieren. Unsere Wege werden sich kreuzen. Das ist das Schöne an dieser Arbeit: Man kann sie nicht einfach abhaken. Sie verändert einen. Ich bin dankbar dafür.




