• Sr. Regina Stallbaumer sa ist Seelsorgerin des JRS in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt.
  • Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag.
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Weltflüchtlingstag: Keep hope alive

Noch immer flüchten Menschen nach Deutschland. Im Jahr 2020 wurden 106.685 Asylsuchende neu registriert.* Die meisten Geflüchtete sind allein, konfrontiert mit einem System, von dessen Wohlwollen und Gesetze ihr Leben abhängt. Zweimal die Woche fährt Sr. Regina Stallbaumer sa in die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Eisenhüttenstadt. Sie arbeitet dort als Seelsorgerin für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service, JRS).
Oft tut es den Menschen gut, mit ihren Ängsten, ihrer Trauer und ihren Sehnsüchten nicht alleine zu sein, sondern wenn jemand da ist und sie mit ihnen trägt. Wo möglich vermittelt sie an weiterführende Hilfsangebote weiter, stellt Kontakte her, begleitet die Menschen beim nächsten Schritt. Dort ist sie immer wieder damit konfrontiert, wie sehr die Lebenskraft von Geflüchteten auch an einem scheinbar sicheren Ort bedroht ist und ringt mit den Geflüchteten um Hoffnung.
Seit über 40 Jahren ist der JRS als von den Jesuiten gegründete Hilfsorganisation auf der ganzen Welt für Flüchtlinge tätig. Der JRS will Menschen auf der Flucht begleiten und sie darin bestärken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und ihre Interessen zu vertreten. Teil dieses Auftrags ist auch Sr. Regina Stahlbaumer. Anlässlich den Weltflüchtlingstags am 20. Juni berichtet sie von Tariq** und seinem Schicksal.

„Wir müssen uns möglichst bald treffen. Bitte.“ Diese Nachricht erreicht mich von Tariq, einem jungen Mann aus Pakistan. Tariq möchte reden. Tariq kommt aus einem muslimisch geprägten Land. In seinem Herkunftsland ist er mit der Scharia, dem dort angewandten islamischen Rechtssystem, in Konflikt gekommen. Er findet darin Regeln, die er nicht akzeptieren kann. Unterschiedliche Wertvorstellungen haben seine Familie gespalten. Er hofft in Europa ein Leben führen zu können, in der die Menschenrechte geachtet werden, ein Leben, in der die Würde und die Freiheit aller Menschen geschützt werden. Tariq hat studiert, hat einen guten Studienabschluss, seine Studienkollegen sind in der ganzen Welt verteilt, haben einen tollen Job, Familie, einen guten Lebensstandard. Tariq hat sein Glück in Deutschland versucht. Es lief nicht alles glatt, und so fand er sich plötzlich im Asylsystem wieder – einem System, das eigentlich nicht für Menschen wie Tariq vorgesehen ist und in dem er folglich kaum eine Chance auf Anerkennung als Schutzsuchender hat. Tariq’s Situation kommt mir bekannt vor. Ich habe regelmäßig mit Menschen zu tun, die in ihren Herkunftsländern Schreckliches erlebt haben. Und gleichzeitig ist es oft nicht „schlimm genug“, entspricht das, was sie erlebt haben, nicht den Kriterien des deutschen Asylsystems.

Tariq ist erschüttert: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Die Karten stehen schlecht für ihn. Die Chancen, dass sich für ihn doch noch ein Weg auftun kann, um in Deutschland zu bleiben, gehen gegen Null. Tariq soll in sein Herkunftsland abgeschoben werden. Doch genau das kann sich Tariq überhaupt nicht vorstellen. Zu sehr haben sich die Demütigungen, die Schläge und die Misshandlungen, die er in seinem Land erlebt hat, eingeprägt. Zu tief sitzen die Wunden durch die Ablehnung und den Hass, die er in seiner Familie erfahren hat. Tariq ist verzweifelt. Es scheint sich kein Weg aufzutun. Immer wieder scheint er gegen Mauern zu rennen. Immer wieder wird er abgewiesen. Er fühlt sich abgestempelt und scheint nur auf Unverständnis zu stoßen. Er ist allein – allein mit seiner Situation, allein mit all seinen Emotionen. Tariq weiß nicht, wem er vertrauen kann. Ein anderer Geflüchteter verwies ihn an mich: „Geh zu Sr. Regina. Mit ihr kannst du reden. Vielleicht kann sie dir helfen.“

Ich treffe mich regelmäßig mit Tariq. Für ihn sind unsere Begegnungen im Seelsorgeraum in der Erstaufnahmeeinrichtung ein Ort, wo er als Mensch gesehen wird. Ein Ort, wo er sein darf und nicht verurteilt wird. Ein Ort, wo er offen erzählen kann, wo ihm zugehört und wo er ernst genommen wird. Tariq schwankt. Immer wieder überwältigt ihn der innere Schmerz, die Demütigung, die Diskriminierung, das Gefühl, gescheitert zu sein. Er will alles hinschmeißen, will sein Leben hinschmeißen. Tariq kann immer wieder kommen – auch wenn er zuvor Schritte gesetzt hat, die nicht dem Leben gedient haben. Unsere Gespräche geben Tariq Halt. Sie helfen ihm, seine Gedanken zu ordnen, seine Kräfte zusammenzuraffen und nicht aufzugeben. Mit unserem Rechtsberater klären wir seine rechtliche Situation ab. Ein weiterer Berater des JRS kann mit Fachkenntnissen über und Beziehungen in die Herkunftsregion von Tariq weiterhelfen. Gemeinsam überlegen wir, welche Wege es für ihn geben könnte, um doch wieder Fuß fassen zu können im Leben und wo er diesbezüglich Unterstützung finden kann.

Es braucht Zeit. Und ich lasse Tariq die Zeit, die er braucht. Manchmal habe ich den Eindruck, wir gehen einen Schritt vor und zwei Schritte zurück. Und dennoch ist eine Entwicklung erkennbar. Langsam findet Tariq zu mehr Klarheit und langsam scheinen sich doch Wege aufzutun, die ihm wieder eine Perspektive schenken könnten. Ich stelle Kontakte her zu weiteren Stellen, die Tariq helfen können, sich psychisch zu stabilisieren und seine Zukunft zu organisieren. Wie sein Leben wirklich weitergeht, ist offen. Viele Schritte sind zu gehen. Es ist nicht klar, ob sich alles so organisieren lässt, wie erhofft. Und es bleibt offen, ob Tariq die notwendige innere Kraft geschenkt sein wird, um all die anstehenden Schritte zu gehen. Ich bin die einzige Person, mit der Tariq auch über seinen Glauben ins Gespräch kommt, über seine Anfragen an den Islam, sein Interesse am Christentum, seine Fragen über Leben und Tod und seine tiefen spirituellen Erfahrungen, die ihm Halt geben und ihn nicht aufgeben lassen. Auf dem Tisch im Seelsorgeraum steht eine Kerze, dessen Ständer die Aufschrift trägt: „Keep hope alive“. Ich will hoffen, dass sich dieser kostbare Moment bewahrheitet, in dem Tariq gespürt hat: „Ich will mein Leben in die Hand nehmen. Es gibt eine Zukunft für mich. Ich werde einen Weg aus dieser schwierigen Situation finden. Und ich bin nicht allein. Gott ist mit mir und er will mein Leben.“

Neben den kleineren und größeren Spuren des Todes, mit denen sich Geflüchtete in ihrem Alltag konfrontiert sehen, gibt es auch das Sterben auf der Flucht. Am 20.6. ist der Weltflüchtlingstag. Zu diesem Anlass findet am 20.6. um 17 Uhr in der Kirche St. Eduard (Kranoldstr. 23) in Berlin ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an die Verstorbenen auf der Flucht statt, den der JRS mitgestaltet.

Sr. Regina Stallbaumer sa

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