• Das Aloisiuskolleg (Ako) in Bonn Godesberg
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Weitere Ukrainer kommen in Bonn an

Das  Jesuitengymnasium Aloisiuskolleg (Ako) Bad Godesberg hat bereits letzte Woche der Stadt Bonn angeboten, im Südflügel des Schulgebäudes, dem ehemaligen Jungen-Internat, vorübergehend Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen. Nun hat es geklappt: 60 Zimmer konnten kurzfristig zur Verfügung gestellt werden. Die ersten Bewohner sind nun angekommen. Jutta Specht und Maximilian Mühlens vom Generalanzeiger Bonn sprachen mit einigen der Geflüchteten. (Artikel vom 04.03.2022)

BONN. lmmer wieder lachen Ekaterina, Svetlana und Anastasia. Die drei Frauen sitzen auf bunten Stühlen in einem Raum des ehemaligen Jungen-Internats des Aloisiuskollegs (Ako). Das Lachen der 42-, der 40- und 20-Jährigen ist allerdings nur der Dankbarkeit geschuldet, die sie empfinden. Was die drei Ukrainerinnen in den vergangenen Tagen erlebt haben, lässt sich kaum beschreiben.

Ihre Flucht aus der Ukraine verlief per Auto, mit dem Bus und zu Fuß. Bis sie in Bad Godesberg angekommen waren, mussten sie vielerlei Strapazen und auch Schmerzen hinnehmen.

„Wir können gar nicht glauben, dass wir nun hier sind. Dass alle so nett sind und uns helfen", so Svetlana. Sie hörte von Aufnahmelagern, von Enge und, dass dort auch geklaut werde. Dass sie nun im Ako vorübergehend eine neue Bleibe gefunden haben, macht sie sehr glücklich. Sie habe es sehr gut getroffen, betont sie immer wieder.

Ekaterina und Svetlana sind Schwestern. Gemeinsam mit ihren Kindern sind sie vor einer Woche aus ihrer ukrainischen Heimatstadt im Norden des Landes, nahe der weißrussischen Grenze, geflohen. Beschuss und Zerstörung haben sie noch miterleben müssen. Svetlana konnte ihre 16-jährige Tochter Victoria und Ekaterina ihre Tochter Anastasia und ihren 14-jährigen Bruder Artern mitnehmen. Ekaterina hofft, dass einer ihrer Söhne nach Bonn nachkommt.

Warten auf Lebenszeichen der Familie

Obwohl die fünf nach außen gefestigt wirken, lässt sich erahnen, wie es in ihnen aussieht. Ekaterinas Mann ist Militärpfarrer. Er und einer ihrer Söhne verteidigen nun ihr Heimatland.

Kontakt hat sie schon länger nicht mehr - die Armee sammelte die Smartphones ein, auch um der russischen Armee keine Standorte zu verraten. Wo sie sind, und ob sie noch leben, weiß sie nicht. Ihre Fluchtgeschichte klingt unglaublich: Weil sich der Krieg schon ankündigte, hatten beide Frauen die wichtigsten Dinge bereits zusammengepackt. Einer der Söhne habe Benzin besorgt für die Flucht mit dem eigenen Auto am 24. Februar. Der Sohn fuhr die Frauen zur Grenze. Kein Durchkommen, daher entschieden sie sich einen anderen Grenzübergang zu finden.

Der Sohn ließ alle aussteigen und fuhr zurück. Die fünf Frauen gingen zu Fuß weiter-16 Stunden lang. In Lviv verbrachten sie eine Nacht in einem leerstehenden Haus von Bekannten, die schon geflohen waren. Währenddessen machten sie sich immer wieder Gedanken, wie sie weiterkommen.

Es stand im Raum, dass sie sich trennen müssen. Denn die Plätze in den Bussen waren begrenzt. Durch einen glücklichen Zufall konnten sie fünf Karten für einen Bus in Richtung Krakau ergattern. Von dort aus ging es mit einem Bus, den eine Kölner Gemeinde nach Krakau schickte, in die Domstadt.

Igor Guseev aus dem Hausmeister Team des Ako hat Kontakte zu der Gemeinde, sodass er die Schule fragte, ob die Fünf aufgenommen werden können. Guseev ist es auch, der als Dolmetscher zwischen Ako und den Geflüchteten vermittelt. Durch Spenden konnten die Ukrainer eingekleidet werden, ein paar Dinge wurden in der Stadt gekauft.

Die schuleigene Mensa stellt Mahlzeiten bereit. Für die Schule sei die Hilfe eine Selbstverständlichkeit, so der Geschäftsführer Wolfgang Nettersheim. Fünf Monate könnten die Geflüchteten vor Ort bleiben. Danach werde der Trakt des ehemaligen Internats umgebaut.

Bis zum Donnerstagabend sollten weitere 22 Flüchtlinge am Ako mit einem Bus ankommen. Derweil, so Nettersheim, habe die Stadt Bonn Interesse bekundet, das Internatsgebäude mit seinen 60 Zimmern für eine städtische Flüchtlingsunterkunft anzumieten Eine entsprechende Begehung habe am Donnerstag stattgefunden.

Am Abend teilte die Stadt mit, dass man „die grundsätzliche Eignung" festgestellt habe. „Einige Kleinigkeiten müssen noch erledigt werden, wie zum Beispiel die Prüfung der Feuerlöscher, kleinere Malerarbeiten in den Zimmern oder vertragliche Regelungen. Diese Arbeiten können jedoch auch parallel laufen, so dass eine Belegung zeitnah erfolgen könnte, wenn der Bedarf an Zimmern steigt", heißt es vom Presseamt.

Das Sozialamt und andere Fachämter würden sich nun darum sorgen, dass sich die Gäste wohlfühlen. Anastasiia Shepeleva wartet auf Lebenszeichen. Das Internet ist derzeit die einzige - störanfällige - Verbindung der 23-Jährigen nach Kiew.

Jede Sekunde schaut sie auf ihr Handy, ob es Informationen aus der von der russischen Armee belagerten ukrainischen Hauptstadt gibt. Am Mittwoch ist die junge Frau mit ihrem Vater Viktor Volakyta nach tagelanger Flucht in einem Appartement in Ramersdorf untergekommen. Und die Katze haben sie mitgebracht. Viele Ukrainer hätten Haustiere. Mancher würde sogar ihretwillen in der Ukraine bleiben, sagt sie.

Obgleich mit einem russischen Angriff zu rechnen gewesen sei – Notfallkoffer waren gepackt - schien eine Flucht, alles von jetzt auf gleich zurückzulassen, nicht wirklich real. ,,Wir hatten Hoffnung, dass es nicht dazu kommt." Shepeleva ist wie ihr Vater Jornalistin. Bis vor einer Woche hat sie als Korrespondentin für die Deutsche Welle aus Kiew berichtet. Wegen der tödlichen Gefahr bot der in Bonn ansässige Sender den Reportern an, sie aus dem Kriegsgebiet herauszuholen.

Einige wollten dennoch bleiben. Nach aufreibender Flucht gen Westen -der Stau begann schon in Kiew - über die polnische Grenze und weiter über Berlin sind Tochter und Vater heil in Bonn angekommen. Doch Angst und Sorge um Verwandte und Freunde sind mitgereist. Sie haben Bomben fallen sehen, in Brand gesetzte Häuser, Ruinen. Beide berichten nüchtern über die Erlebnisse des Kriegsausbruchs.

Die Angespanntheit steht im Raum. ,,Die Seele ist noch nicht angekommen", sagt die junge Frau, denn plötzlich befinden sie sich in einer unwirklichen Ruhe nach dem Sturm – in einem ihnen fremden Land.

Auf Distanz zu russischen Freunden

Schon in Polen seien sie sehr freundschaftlich empfangen worden, in Bonn auch. Sie seien froh und dankbar - doch es bleiben „die Schreckensbilder von daheim". Dauernd kommen neue Nachrichten. Es sei nicht sicher, welchen man glauben könne, sagt der 46-jährige Viktor Volakyta. Russische Propaganda behaupte beispielsweise, man wolle die Zivilbevölkerung schützen. Doch mit eigenen Augen habe er gesehen, dass Wohnblocks bombardiert wurden.

Shepelevas Freund ist in Kiew geblieben und hat sich als Freiwilliger gemeldet. Wie es weitergeht? Die junge Frau zuckt mit den Schultern. ,,Jeden Tag weitermachen. Ukrainians are very brave." Ukrainer seien sehr tapfer. Sie glaube fest daran, dass die Russen gestoppt werden. Und sie hofft, dass der Krieg schnell beendet ist. Zweifel helfen nicht.

Haben Shepeleva und ihr Vater russische Freunde? Seit Beginn des bewaffneten russisch-ukrainischen Konflikts 2014 in den ostukrainischen, von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten Donezk und Luhansk hätten sie sich distanziert. Die Differenzen resultierten aus einer konträren Sichtweise. Shepeleva wird deutlich: ,,Russen sagen, sie wollten der Ukraine doch nur helfen. Das ist Propaganda. Sie glauben daran wie religiöse Fanatiker. Sie haben die andere Seite gewählt." Vater und Tochter wollen weiter ihre Arbeit machen -berichten, dranbleiben, damit die Welt Bescheid wisse, was in der Ukraine wirklich passiert. Ohne das Internet wäre es weitaus schwieriger, sagen sie.

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