Was sind schon 100 Jahre?

P. Andreas Batlogg SJ ist nach 25 Jahren in München nach Österreich zurückgekehrt. Ein Vierteljahrhundert an einem Ort ist für einen Jesuiten eine lange Zeit. Gedanken über Vergänglichkeit, Weisheit und den Mut zum Neuanfang.

Von Andreas R. Batlogg SJ

Als ich im Juni zehn Tage lang an der Jesuitenkirche in Luzern hospitierte, war ich zwei Mal in Bad Schönbrunn oberhalb des Zuger Sees. Zur Kommunität gehört Richard Brüchsel SJ, der in einem Pflegeheim in Menzingen lebt, mit dem Bus 10 Minuten vom Lassalle-Haus entfernt. Am 24. Juli wurde er 100. Er ist der „Senior“ der Zentraleuropäischen Jesuitenprovinz. Sein Alter sieht man ihm nicht an. Beim Essen konnte ich mich ganz normal mit ihm unterhalten – und genoss seinen hintergründigen, etwas spröden Humor. Am 4. November 2026 wäre der nächste Jesuit 100: Waldemar Molinski (Köln). Bei Robert Lachenschmid (Unterhaching) dauert es noch drei Jahre. Ich bin jetzt 63. Kann ich mir das vorstellen: noch 37 Jahre zu leben? Zahlenspiele! Ob der Herrgott weiß, wie viel Jahre es werden? 

Mein Opa wurde 92, meine Oma nur 73, sie starb 1993 kurz nach meiner Priesterweihe. Die anderen Großeltern starben schon 1936 und 1943. Mein Vater wurde 86. Fünf Jahre nach seinem Tod trauert meine Mutter, inzwischen 87, immer noch. Wir haben es nicht in der Hand, wie alt wir werden. Außer wir geben es aus der Hand – und „bestellen“ den Tod. „Assistierter Suizid“: In immer mehr Ländern ist das gesetzlich möglich. Meine Schwester wurde nur 16 Jahre alt. Sie starb 1980 – das ist über 40 Jahre her. Ungelebtes Leben. Wäre sie Sportlehrerin geworden? Hätte sie geheiratet? Manchmal frage ich mich das, wenn ich an ihrem Grab stehe und mich die Zahlen anschauen: 1964–1980. Darunter die Lebensdaten meines Vaters, die zeigen, wie kurz Brigittes Leben war: 1934–2020.

Je älter ich werde, um so mehr wird mir bewusst, wie begrenzt Lebenszeit ist. Es kann schlagartig „aus“ sein. Und dann? 

Als mir ein Arzt im Oktober 2017 sagte: „Sagen Sie alle Termine für ein Jahr ab“, begann ich zum ersten Mal, intensiver darüber nachzudenken. Da war ich 55. Dass mich Chemo- und Strahlentherapie und die Operationen monatelang in Beschlag nehmen würden, dass ich auf Hilfe anderer angewiesen sein würde – am Anfang konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Aber so kam es. Dass ich möglicherweise nicht überleben würde, war ebenfalls eine Option. Gott sei Dank kam es anders. Auch wenn mein Leben jetzt anders ausschaut und ich acht Jahre später spüre: Es ist anders als „vorher“. 

„Unsere Tage zu zählen lehre uns“, lautet ein Psalmwort (Ps 90,12). Nachsatz: „Dann gewinnen wir ein weises Herz“. Von dem Nobelpreisträger Alexis Carrel, einem französischen Chirurgen, der 1905 die erste Herztransplantation (an einem Hund) durchführte, ist überliefert: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben.“

Nicht wie alt ich werde, ist entscheidend. Sondern was ich aus meinen Lebensjahren mache.

Automatisch stellt sich „Weisheit“ nicht ein. Es gibt kindische Alte, altkluge Junge – und Menschen, die etwas ausstrahlen, das mir sagt: Hier ist ein in sich ruhender, ausgeglichener, ein weiser Mensch! 

Als im Februar 2025 die Entscheidung fiel, dass ich nach 25 Jahren in München nach Wien übersiedeln würde, wurde mir bewusst: ein Vierteljahrhundert! Normalerweise bleiben im Jesuitenorden nur Professoren so lange an einem Ort. Zwar war ich in dieser Zeit in drei verschiedenen Kommunitäten, unterbrochen durch einen elf Monate dauernden USA-Aufenthalt 2004/05 (Tertiat). Aber es war dieselbe Stadt. Ich war gerne da. Ich war leidenschaftlich gern bei den „Stimmen der Zeit“, organisierte das Karl-Rahner-Archiv und schätzte die Mitarbeit an der Jesuitenkirche St. Michael und zeitweise in der „Glaubensorientierung“. Aber es war dann auch Zeit – für einen Aufbruch. Den letzten vielleicht. Dass es in Wien 25 Jahre werden – wer weiß es? Ich wäre dann 88. Ob wir einander helfen (können), „gut“ alt zu werden, einander dabei unterstützen, wenn wir „abbauen“, ob wir einander trösten können und wollen, wenn wir „Verfall“ bemerken? Jenseits aller intellektuellen oder spirituellen Beschäftigung mit dem Alter und dem Altwerden: Das wünsche ich mir!

Zur Person:

Andreas R. Batlogg SJ

Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. 1993 wurde er zum Priester geweiht. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Pater Batlogg war bis Dezember 2017 Herausgeber und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit" und Mitherausgeber der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners. Heute ist er als Publizist und Buchautor tätig. Bis 2025 war er zudem Mitglied des Seelsorgeteams in St. Michael München, seitdem ist er an der Jesuitenkirche in Wien. Zuletzt erschienen "Der evangelische Papst. Hält Franziskus, was er verspricht?" (Kösel, 2018), "Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs" (Tyrolia, 2019) und "Leo XIV. - der neue Papst" (Herder, 2025).

Bild 1: SJ-Bild

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