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  • Chefredakteur Stefan Kiechle SJ überreicht dem Heiligen Vater die „Stimmen der Zeit“.
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Papst Franziskus: "Das ganze Drama des Krieges sehen"

Berlin/Rom (vaticannews/r) - Papst Franziskus hat dazu aufgerufen, neben dem menschlichen Leid Ursachen und Folgen des Ukraine-Krieges in den Blick zu nehmen. Die Welt erlebe derzeit einen „Dritten Weltkrieg“, warnte er in einem Gespräch mit den Chefredakteuren von Kulturzeitschriften der Jesuiten, darunter „La Civiltà Cattolica“ und „Stimmen der Zeit". Der Papst stellt auch eine mögliche Begegnung mit Patriarch Kyrill I. in Kasachstan in Aussicht. Das Gespräch fand am vergangenen 19. Mai statt. Heute publizierte "Stimmen der Zeit" den Wortlaut in voller Länge. Themen des Austausches waren der Krieg in der Ukraine, das Leben der Kirche und die Synode.

Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine warnte Franziskus vor einem einfachen Gut-Böse-Schema. Beim Ukraine-Krieg gebe es „keine metaphysischen Guten und Bösen auf abstrakte Art und Weise“, unterstrich er. „Es entsteht etwas Globales, mit Elementen, die stark miteinander verwoben sind.“

Angesichts der „Brutalität und Grausamkeit“ des russischen Angriffskrieges drohe die Welt „nicht das ganze Drama“ dieses Krieges zu sehen, so Franziskus – eines Dramas, „das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in irgendeiner Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde“, weitete er den Blick.

Er registriere etwa ein „Interesse am Testen und Verkauf von Waffen“, so der Papst. Auch übte er erneut Kritik an der Entwicklung der NATO und wiederholte die Formulierung, das „Gebell“ der NATO „an den Toren Russlands“ habe zum Ausbruch des Krieges mit beigetragen. Franziskus bezog sich hier auf die Warnung eines Staatschefs, der vor einem Krieg gewarnt hatte. Der Politiker bemängelte, das eine Ausweitungspolitik betreibende Militärbündnis habe nicht verstanden, „dass die Russen imperial sind und keiner fremden Macht erlauben, sich ihnen zu nähern“. Den Namen seines Gesprächspartners nannte der Papst nicht, er griff aber dessen Formulierung auf.

Bereits in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ hatte Franziskus diese Sichtweise dargelegt und war dafür auch kritisiert worden. Gegenüber den Jesuitenzeitschriften ging Franziskus auf Kritik an dieser Position ein: „An dieser Stelle mag mir jemand sagen: Aber Sie sind doch für Putin! Nein, das bin ich nicht. So etwas zu behaupten, wäre vereinfachend und falsch. Ich bin einfach dagegen, die Komplexität auf die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu reduzieren, ohne über die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind. Während wir die Grausamkeit der russischen Truppen sehen, dürfen wir die Probleme nicht vergessen, um zu versuchen, sie zu lösen.“

Die Welt befinde sich im Krieg, so der Papst, der bereits vor dem Ukraine-Krieg mehrfach von einem „Dritten Weltkrieg in Stücken“ gesprochen hatte. Mit dem Ukraine-Konflikt sei für ihn der Dritte Weltkrieg tatsächlich „ausgebrochen“, so Franziskus, dessen eigener Großvater am Fluss Piave den Ersten Weltkrieg miterlebt hatte. „Man muss bedenken, dass es in einem Jahrhundert drei Weltkriege gegeben hat, mit all dem Waffenhandel dahinter!“ – so Franziskus, dies sei „ein Unglück“ für die Menschheit, welches ihr zu denken geben sollte.

Im Interview mit den Jesuitenzeitschriften gab Franziskus weiter Einblicke in sein Video-Gespräch mit dem russischen Patriarchen Kyrill I.. Dieser habe im ersten Teil der insgesamt 40 Minuten dauernden Unterredung Franziskus eine Erklärung vorgelesen, in der er „Gründe für den Krieg“ angeführt habe. „Als er geendet hatte, mischte ich mich ein und sagte ihm: ,Bruder, wir sind keine Staatskleriker, wir sind Hirten des Volkes‘“. Wegen des Krieges hätten die beiden Kirchenoberhäupter dann „im gegenseitigen Einvernehmen“ beschlossen, das eigentlich für den 14. Juni in Jerusalem anberaumte Treffen „auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, damit unser Dialog nicht missverstanden wird“. Franziskus gab dann bekannt, er werde Kyrill eventuell bei seiner für September geplanten Kasachstan-Reise treffen: „Ich hoffe, dass ich ihn begrüßen und ein wenig mit ihm als Seelsorger sprechen kann.“

Mit Blick auf den Ukraine-Krieg rief der Papst weiter dazu auf, die Solidarität für die Kriegsflüchtlinge nicht abreißen zu lassen. Insbesondere mit Blick auf Frauen und Kinder, die leichte Beute von Menschenhändlern würden, brauche es auch längerfristige Unterstützung, die „über die konkrete Aktion des Augenblickes“ hinausgehe.

Die Geschichte der Ukraine sei geprägt durch Sklaverei und Krieg, so Franziskus, immer wieder sei das Land „zerschnitten und zerrissen“ worden „durch den Willen derer, die es in Besitz nehmen wollten, um es auszubeuten“. „Es ist, als ob die Geschichte die Ukraine dazu prädisponiert hätte, ein heroisches Land zu sein. Dieses Heldentum zu sehen, berührt unsere Herzen. Ein Heldentum, das mit Zärtlichkeit Hand in Hand geht“, würdigte der Papst die Ukrainer. „Was wir vor Augen haben, ist eine Situation des Weltkriegs, der globalen Interessen, der Waffenverkäufe und der geopolitischen Vereinnahmung, die ein heldenhaftes Volk zum Märtyrer macht.“

Bei seiner Begegnung mit Vertretern europäischer Jesuitenzeitschriften ermutigte der Papst die Journalisten dazu, in ihrer Berichterstattung „das menschliche Drama des Krieges zu vermitteln“: „Führen Sie Ihre gesellschaftspolitischen Überlegungen durch, aber vernachlässigen Sie nicht die menschlichen Überlegungen zum Krieg“, appellierte der Papst. Und mit Verweis auf Schauplätze der Weltkriege rief er dazu auf, „das menschliche Drama dieser Friedhöfe, das menschliche Drama der Strände der Normandie oder von Anzio“ sowie das Drama der Mütter und Familien zu erzählen, deren Söhne im Krieg fielen.

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