P. Rupert Mayer SJ: Ein Zeuge des Menschgewordenen
„Aus Liebe zu den Menschen“: Das war für P. Rupert Mayer SJ der Antrieb, sich mit aller Kraft für seine Mitmenschen einzusetzen. Er sah die Not der Bevölkerung um ihn herum und half, wo und wie er konnte – damit die Menschen etwas zu essen, Arbeit und ein Dach über dem Kopf hatten und dabei auch den Glauben nicht vergaßen. Mit Mut stellte sich Rupert Mayer SJ auch dem unmenschlichen NS-Regime entgegen, auch wenn die Konsequenzen für ihn hart waren. So lebte er das, was den Kern von Weihnachten ausmacht: Mensch werden und Mensch sein für andere.
In diesem Jahr jährte sich der Todestag von Rupert Mayer SJ zum 80. Mal. Sein Zeugnis bleibt aktuell. Deswegen widmet P. Karl Kern SJ seine Weihnachtsbesinnung diesem außergewöhnlichen Zeugen des menschgewordenen Gottes.
von P. Karl Kern SJ
Am 1. November 1945 hatte P. Rupert Mayer SJ um 8 Uhr die Frühmesse begonnen. Während seiner Predigt in der Kreuzkapelle der Münchner Jesuitenkirche St. Michael stockte er plötzlich, wollte weiterfahren, doch mitten im Sprechen erlitt er einen Schlaganfall und konnte nur noch dreimal mit letzter Kraft „der Herr“ wiederholen. Durch sein Holzbein abgestützt, das er seit einer Amputation im Ersten Weltkrieg trug, blieb er aufrecht am Altar stehen. Knapp drei Stunden später starb er. „Pater Mayer ist auch im Tod nicht umgefallen“, hieß es dann in München.
Ein aufrechter Mann des Widerstands
Rupert Mayer wurde im Ersten Weltkrieg als Feldseelsorger mit höchsten Orden dekoriert. Er befand sich immer an vorderster Front, um seinen Kameraden beizustehen – meist unter Lebensgefahr. Im Herbst 1917 kehrte der Beinamputierte nach München zurück. Es drängte ihn in dieser Zeit epochaler Umwälzungen weiterhin an die sozialen Frontlinien. Er stellte sich mutig den ideologischen Auseinandersetzungen mit Kommunisten und Nationalsozialisten.
P. Rupert Mayer SJ als Divisionspfarrer der 8. Bayerischen Reserve-Division und Hund Erna, 1915
Von Anfang an durchschaute Rupert Mayer den völlig überzogenen Nationalismus Hitlers und den um ihn betriebenen Personenkult. Er, der deutschnationale Patriot, bekämpfte unerschrocken die Überbetonung des Völkischen und wehrte sich gegen die Abwertung und Ablehnung des Alten Testaments.
Der Jesuit hat das totalitäre System der Nazis nie von einer politischen Analyse her kritisiert, sondern betonte immer seinen rein religiösen Standpunkt. Die Gegenseite, eine pseudoreligiöse, totalitäre Ideologie, durchschaute sehr wohl, dass er mit seinem Einspruch im Grunde das ganze System der „neuen Ordnung“ infrage stellte. Ist dieser rein religiös motivierte Widerstand nicht seltsam aus der Zeit gefallen und fern von uns heute?
Rupert Mayer SJ führte die Caritas-Sammlung vor der Jesuitenkirche St. Michael in München trotz Verbot fort
Heutige Totalitarismen
Die totalitären Systeme des Nationalsozialismus und des Kommunismus sind untergegangen. Doch aus dem Haupt der Medusa wachsen heute neue Totalitarismen hervor. Die Politik der Großmächte diktiert wieder das Geschehen. Kleinere Autokraten höhlen die Demokratie in ihren Ländern aus. Die globale Klimakrise gefährdet zunehmend unseren Planeten.
Unsere hochindustrielle, weltweit vernetzte Gesellschaft ist zunehmend einem universalen Funktionalismus unterworfen. Jürgen Habermas hat schon 1981 von der „Kolonisierung der Lebenswelt“ gesprochen. Sport, Bildung, Gesundheit, Kunst, Medien, Freizeit werden vom funktionalen Nutzenkalkül durchdrungen – bis in die persönlichen Beziehungen hinein. In galoppierender Beschleunigung überformen die namens- und gesichtslosen Algorithmen alle Lebensbereiche.
Gottesbezug als transfunktionaler Bezugspunkt
Gibt es einen Fixpunkt außerhalb dieses funktional festgelegten, durch mächtige Konzerne gesteuerten Systems? Oder landen wir im schwarzen Loch des Funktionalismus? Vielleicht brauchen wir gerade heute, wo der Glaube an einen jenseitigen Gott verdunstet, umso nötiger einen transfunktionalen Bezugspunkt, damit die Welt nicht aus dem Ruder läuft. Für Rupert Mayer war das sein Gottesbezug, sein Glaube an den Menschgewordenen.
Rupert Mayer SJ, Präses der Marianischen Männerkongregation, bei einer Fronleichnamsprozession in München
Der christliche Glaube fußt auf dem jüdischen Monotheismus. In der jüdischen Tradition wurde schon immer der eine, bildlose Gott als Gott des eigenen Volkes verehrt. Im babylonischen Exil (597–536 v. Chr.) erkannten geistig wache Juden, dass die Götter der Völker letztlich rein funktionale Götter waren – vom Menschen gemachte Götzen, die den eigenen Interessen dienten. So erwuchs der jüdische Monotheismus im 6. Jahrhundert aus der Religionskritik. Der Gott Israels ließ sich weder funktionalisieren noch vereinnahmen. Auf seine Stimme zu hören, ihm restlos zu vertrauen, war das Entscheidende.
Dieser Gottesbezug war für Rupert Mayer der archimedische Punkt, von dem her alle universalen Machtansprüche relativiert werden mussten. Wahre Religiosität bedeutet auch heute, dem nicht fassbaren Gott der Liebe zu vertrauen, der seine Gegenwart aufblitzen lässt, der sich jedoch zugleich allem Greifbaren entzieht.
Die Theo-Politik Jesu
Jesus hat politische Obertöne vermieden. Er war davon beseelt, dass Gott schon jetzt – in einem besetzten Land, inmitten einer zerrissenen Gesellschaft – seine Königsherrschaft antreten kann, wenn man sich voller Zutrauen auf ihn einlässt. Der Rabbi aus Nazareth hat geahnt, dass die labile Situation in seinem Land auf eine gewaltsame Katastrophe zutrieb. Dennoch blieb er bei seiner Friedensvision des barmherzigen „Abba“, der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte.
Diese Botschaft von der nahen Gottesherrschaft stellte das herrschende System des Arrangements der Oberschicht mit der Besatzungsmacht von innen her infrage. Jesus konnte vor allem suchende, junge Leute an sich binden, doch der anfängliche Massenzulauf bröckelte. Er selbst blieb trotz allem seiner radikalen Friedensvision treu.
Das Szenario der Weihnachtsgeschichte
Die Weihnachtsgeschichte (Lk 2,1–14) inszeniert in den ersten Versen den universalen römischen Machtanspruch: Der Kaiser lässt Steuern einziehen, denn er braucht das Geld vor allem für seine Legionen. Der „Friedenskaiser“ Augustus hatte schließlich das römische Weltreich durch militärische Gewalt stabilisiert. In dieser römisch geprägten Welt geschieht eine neue Offenbarung des jüdischen Gottes. Hirten auf dem Feld erfahren als erste die unerhörte Botschaft: In einem jüdischen Kind ist der wahre Herrscher der Welt geboren!
Über der dunklen Geburtsszene erstrahlt plötzlich von oben her ein Licht. Engel stehen für eine Botschaft aus dem Jenseits. Und es geschieht, was die ganze Bibel durchzieht und zusammenhält, es geschieht Offenbarung: Gottes Gegenwart blitzt auf und entzieht sich zugleich. Doch es bleibt der Hinweis auf ein Zeichen – auf das Wickelkind im Futtertrog. Die Szene klingt aus im Lob des jenseitigen Gottes und der Verheißung des Friedens für „Menschen seines Wohlgefallens“.
Der menschliche Gott
„Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“ (Tit 2,11), so fasst Paulus die Weihnachtsbotschaft zusammen. „Gnade“, Zu-neigung, meint die entgegenkommende, grenzenlose Liebe Gottes. Sie hat sich geoffenbart im „Sohn“. Das war für Paulus die entscheidende „Zu-Erkenntnis“ zu seinem jüdischen Glauben – ihm schlagartig zuteil geworden mit der Vision des Auferstandenen vor Damaskus. Und es hatte sich in sein Inneres eingebrannt: Dieser Sohn ist für die ganze Welt da, denn er ist das Urbild jedes Menschen. Er soll die ganze Menschheit Gott, dem Vater, entgegenführen.
Der menschgewordenen Liebe Gottes in ihrem „Abstieg“ zu den Menschen fühlte sich Rupert Mayer ein Leben lang verpflichtet. 1912 kam er als 36-jähriger Jesuit nach München, um sich der – monatlich etwa 2.000 – vom Land Zugezogenen anzunehmen, die meist der blanken sozialen Not ausgesetzt waren. Täglich machte er in den Abendstunden fünf bis sechs Hausbesuche, um ihre Sorgen und Nöte zu erfahren und in den 30 Münchner Gemeinden Hilfe und Heimat anzubieten. Für diese „nachgehende“ Seelsorge gewann er viele Mithelfer.
Auf Initiative von P. Rupert Mayer SJ wurden am Münchner Hauptbahnhof sonntags in aller Früh Messen für die Wochenend-Skifahrer gefeiert, damit sie ihrer Sonntagspflicht nachkommen konnten
Der 15. Nothelfer Münchens
In den krisengeschüttelten 20er-Jahren nahm Rupert Mayer seine sozial ausgerichtete Seelsorge wieder auf. Sein Sprechzimmer in St. Michael war tagsüber belagert von Hilfesuchenden. Abends wurden dann bis spät in die Nacht die entsprechenden Bittbriefe geschrieben. Auf einem Fragebogen, den er 1938 bei der Einlieferung in die Haftanstalt Landsberg ausfüllen musste, gab er als Motivation für seinen Beruf an: „… aus Liebe zu den Menschen“.
Rupert Mayer hat in seiner ganzheitlichen Seelsorge die Würde jedes Menschen gestützt. Auch in kommunistischen Veranstaltungen verwies er auf die unsterbliche Seele jedes Menschen, die man nie vergessen sollte. Jesus hatte ihm die vorbehaltlose Liebe Gottes zu jedem Menschen vorgelebt – bis zum Tod. Der Ordensmann war ebenfalls ein Zeuge der universalen Menschenfreundlichkeit Gottes.
Selbst im Arrest im Kloster Ettal, angeordnet durch die Nationalsozialisten, wartete Rupert Mayer SJ nur darauf, zu seiner Aufgabe in München zurückkehren zu können: seinen Mitmenschen zur Seite stehen
Die Liebenswürdigkeit des Christentums
Die Zeit zwischen den Weltkriegen war eine Epoche der Not, der Gärung und der Hoffnung auf Rettergestalten. Wir erleben gerade wieder eine Zeit der Umbrüche – in rasendem Tempo. Die KI-Revolution steht erst am Anfang. Solche Zeiten machen die Menschen unruhig, nervös und hektisch. Falsche Heilsbringer haben wieder Konjunktur und Sündenböcke werden leicht ausfindig gemacht.
Das erlebte auch Rupert Mayer zu seiner Zeit. Doch er hatte durch seinen Glauben an den liebenden Gott ein klares Gegenmittel: Das heilsame Geschenk bedingungsloser Liebe! „Wir müssen uns jetzt ganz darauf einstellen, dass wir immer geduldiger, freundlicher und rücksichtsvoller werden, weil die Menschen so unruhig und aufgeregt sind. […] Die müssen wir beruhigen und ihnen die Liebenswürdigkeiten des Christentums zeigen.“
Frieden und Versöhnung
Die Engel verkündeten in Bethlehem den „Frieden auf Erden“ – für Menschen „göttlichen Wohlgefallens“. Als Jesus am Beginn der Passionswoche auf einer jungen Eselin vom Ölberg herabritt, begannen seine Jünger laut zu rufen: „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!“ (Lk 19,38). Beim Anblick der Stadt weint Jesus über Jerusalem. Der Weihnachtsfriede scheint entschwunden – bis heute.
Dieser Friede lebte in Menschen wie Rupert Mayer. In den wenigen Nachkriegsmonaten, als er wieder predigen durfte, legte er den Menschen die Feindesliebe, die Versöhnung und den Mut zu einem Neuanfang ans Herz. Menschen mit der Friedensvision Jesu im Herzen können auch heute Schritte des Friedens wagen und der funktionalen Vereinnahmung widerstehen! Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, sagt ein Sprichwort. Sich dem unergründlichen Gott vertrauensvoll auszusetzen, gibt auch heute die innere Widerstandskraft, um nicht im Strudel des Funktionalen unterzugehen. Den Menschgewordenen ins eigene Herz aufzunehmen, kann auch in uns Hoffnung und Liebe reifen lassen. Menschen göttlichen Wohlgefallens sind heute nötiger denn je!
Bei der Seligsprechung von Rupert Mayer SJ am 3. Mai 1987 durch Papst Johannes Paul II. im Olympiastadium in München
„Meine Zukunft liegt in der Hand Gottes und das genügt“
Zum 80. Todestag des seligen P. Rupert Mayer SJ erklärten P. Karl Kern SJ und Kirchenhistoriker Ferdinand Müller, warum der „Apostel Münchens“ ein leuchtendes Beispiel für Mut und Glaubenstreue ist.
Pater Karl Kern SJ stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 baute er in Nürnberg die Cityseelsorge in der "Offenen Kirche St. Klara" auf. Von 2010 bis 2022 war er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München. Seitdem ist er als Seelsorger sowie für das Fundraising der Hochschule für Philosophie in München tätig. Zudem ist Pater Kern Präses der Marianischen Männerkongregation "Mariä Verkündigung" und Kirchenrektor der Bürgersaalkirche in München.
Wissenswertes
Politisch
„Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört“. So heißt es in dem Dekret „Unsere Sendung heute“ der 32. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu von 1975. Denn Gerechtigkeit „zielt auf die Versöhnung der Menschen untereinander, die ihrerseits von der Versöhnung der Menschen mit Gott gefordert ist.“
Die 32. Generalkongregation begründet, warum sich Jesuiten für Gerechtigkeit einsetzen: „Während viele entschlossen eine Welt ohne Gott aufbauen wollen, müssen wir zeigen, dass die christliche Hoffnung nicht Opium ist, sondern zu einem entschiedenen und realistischen Einsatz für eine andere Welt treibt.“ Diese Welt sei „Zeichen und Anfang der anderen Welt, ‚einer neuen Erde und eines neuen Himmels‘ (Offb 21,1).“ Deswegen ist für Jesuiten der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit in allem, was sie tun, ein Kern ihrer Sendung – entsprechend ihrem Leitspruch: „Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes.“
Spiritualität
Spiritualität ist „ein Weg zu Gott“, niemals abstrakt, sondern in jedem Menschen lebendig. Ignatianische Spiritualität bezieht sich auf die „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien), mit denen der hl. Ignatius von Loyola Menschen helfen wollte, Gott zu finden und ihr Leben auf Gott auszurichten. Er war überzeugt davon, dass Gott selbst in jedem Menschen wirkt und ihn in die Freiheit führen will, damit er verantwortet wählen und entscheiden kann. Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Freiheit, der Unterscheidung und Entscheidung, und das Grundprinzip ist das Wachsen und Lernen. Sie ist eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ignatius erlebte sich bei aller Gebrochenheit zutiefst als beschenkt, geliebt von Gott und durch Jesus Christus erlöst. Auf diese Erfahrung wollte Ignatius mit seinem Leben großherzig antworten und anderen dabei helfen, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Ignatianische Spiritualität ist eine Mystik des Dienstes. Die „Geistlichen Übungen“ wollen einen „Menschen für andere“ formen, wie es dem Lebensmodell Jesu entspricht.