Mehr Christentum wagen, fordert der Autor Frank Berzbach

Das Motto des heiligen Ignatius, Gott in allen Dingen zu suchen, nimmt der Autor Dr. Frank Berzbach beim Wort. Er ist ein Jahr lang zu jedem Termin und jeder Verabredung mit der Bahn gefahren, er hat über die Schönheit der Begegnung und die Kunst zu lesen geschrieben – und über Engel, von denen manche Bus fahren. Er liebt Tätowierungen und Klöster, hört Patti Smith und liest Karl Rahner, er ist Autor für den Playboy sowie fürs Magazin "Jesuiten". Der Titel seines neuesten Buchs lautet "Die Kunst zu glauben – Eine Mystik des Alltags". Ein Interview über die Wiederentdeckung des Christentums.

Herr Dr. Berzbach, warum haben Sie ein Buch über Glauben geschrieben?

Ich hatte schon länger den Gedanken, dass es an der Zeit sei, den Glauben wieder ins Zentrum des Lebens zu rücken und ihn nicht irgendwo versteckt, verschüttet, verborgen, weggeschoben zu halten, wie es heute so häufig der Fall ist. In dieser säkularen Zeit ist offen ausgesprochener und praktizierter Glauben ja eine Provokation. Für mich persönlich war dieses Buch ein konsequenter nächster Schritt meines eigenen Wegs.

Können Sie den beschreiben?

Ich bin zwar katholisch aufgewachsen, aber meine Familie war nicht besonders religiös. Wir waren auch nicht oft im Gottesdienst. Ich erinnere mich aber, dass ich als 9jähriger unbedingt ein eigenes Gotteslob haben wollte und mir darin mit dem Textmarker nicht nur meine Lieblingslieder anstrich, sondern auch Gebete, die ich schön fand. Meine Oma war schockiert. Ich hatte zum Glauben über alle Lebensphasen hinweg einen positiven Bezug. Aber als junger Erwachsener entfremdete ich mich. Ich hatte einfach kein Umfeld mehr, mit dem ich Glauben hätte teilen können. Freunde, Bekannte, Kollegen: alle waren kirchenfern oder antikirchlich.

Wie sind Sie dann wieder auf den Glauben gekommen?

Ich spürte, ohne Glauben komme ich nicht voran, da fehlt mir ein wichtiger Teil des Lebens. Auch die Themen, über die ich schreibe, gewinnen mehr Tiefe durch den Bezug zum Christentum. Dann kam in Kontakt mit Via Integralis, einem Format, in dem sich fernöstliches Zen und christliche Mystik begegnen, und dem Jesuitenorden, dem ich viel verdanke für meinen weiteren geistlichen Weg. Ich bewundere sehr, wie die Jesuiten Intellektualität und Spiritualität zusammenbringen, ohne frömmlerisch zu sein.

Welche Rolle spielt Kunst für Ihren Glauben?

Eine riesige. Überall in der Kunst findet man faszinierende Spuren des christlichen Glaubens. Die europäische Kunstgeschichte ist ohne das Christentum nicht denkbar. Nehmen Sie Künstler wie Leonardo da Vinci, Raphael oder Michelangelo. Denen ging es auch um Verkündigung christlicher Glaubensinhalte, das wird heute leicht vergessen. Aber auch die Pop-Kultur ist voll von christlichen Bezügen, ob in Patti Smiths Liedtexten über die Psalmen, John Coltranes musikalischen Gebeten oder in Johnny Cashs gnädiger Stimme. Diese Musiker erzählen von tiefen religiösen Erfahrungen, Nick Cave beschreibt es so: Der Glaube bewährt sich, indem er nicht zu beantwortende Fragen zulässt, sich dem völligen Verstehen entzieht und doch hörbar wird: »God is in the house.« Das ist seine Art zu beten. Hörer überhören das oft.

Oder nehmen Sie die Architektur: Kirchenbauten ziehen bis heute Menschenmassen an, und alle blicken gebannt nach oben. An diesen Orten entsteht Glaubenserfahrung. Einer der faszinierendsten solcher Orte ist die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Wer sie betritt, kommt anders raus. Auch hier geht der Blick sofort nach oben. Dort öffnet sich am Ende des dunklen Raums der Himmel. Das ist sinnbildlich der Blick auf die offenstehenden Türen unserer eigenen dunklen Kammern. Wir laufen herum, aber über uns ist noch etwas. Der Horizont verdunkelt sich, aber über uns ist Licht. Wir fühlen uns gefangen, aber wir sind frei. Diese Kapelle ist Transzendenz in der Gestalt von Beton und drückt genau das aus, was Nikolaus von der Flüe in seinem bekannten Gebet formuliert hat: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

Wie schafft Kunst das, religiöse Botschaften formulieren?

Weil die Kunst die Schönheit präsentieren, andeuten oder steigern kann. Und schön ist etwas, das friedvoll ist, heilsam, antiaggressiv. Schönheit ist für mich sichtbare Liebe. Jesus wurde von vielen Künstlern als ein sehr schöner Mann dargestellt, er ist der schöne Hirte. Kunst kann durch Schönheit Liebe sichtbar machen, deshalb ist sie ein Tür-, besser Blicköffner für Glauben.

Gilt das auch für Ihre Körperkunst? Sie sind ein Freund von Tätowierungen.

Meine Tattoomotive sind mir wichtig, sonst würde ich sie mir nicht stechen lassen. Auf dem Zeigefinger ist ein Kreuz, auf dem Mittelfinger ein Herz, auf dem Ringfinger ein Anker und auf dem kleinen Finger ein Fisch. Also: Glaube, Liebe, Hoffnung, verankert in Jesus Christus. Es sind religiöse Motive oder welche aus der Rockmusik und der Kunst.

Sie sprechen bewusst von christlichem Glaube, nicht etwas allgemeiner von Spiritualität, die ja auch andere Wege als den christlichen kennt?

Ja, weil das Christentum die Grundlage unserer europäischen Kultur ist. Und weil Glauben konkret festgemacht werden muss an Inhalten, Formen und Ausdrucksweisen. Glauben in einem abstrakten, agnostischen Sinn gibt es, aber das hat wenig Tradition und wenig Kraft. Der Glaube hat eine uralte Praxis, Alter und Wiederholung spielen eine Rolle. Am besten jeden Tag, im Alltag. Auch wenn Menschen heute große Vorbehalte gegen die Kirchen haben, will ich zeigen, dass es auch ein Christentum innerhalb dieser Kirchen gibt, nicht nur ein Christentum als abstrakte Idee. Viele sprechen heute allgemein über »das Universum«, »kosmische Kräfte« oder sogar »Karma« – aber ich glaube sie, wissen selbst nicht, was sie damit meinen.

Sind Sie ein Missionar?

Ich will niemanden bekehren, schon gar nicht möchte ich frömmelnd wirken. In dem Sinne, dass ich eine Botschaft habe, die ich vermitteln möchte, bin ich aber durchaus missionarisch. Wir sollten wieder mehr Christentum wagen. Ich möchte dafür werben, den christlichen Glauben wieder zu entdecken, und Herz und Ohren zu öffnen, für das, was Gott uns zu sagen hat. Das ist ein wichtiger Bereich, ein Grundbedürfnis unseres Menschseins, und das Christentum hat dafür ein riesiges Spektrum an Formen, Inhalten und Identifikationsfiguren. Das wäre auch für unsere Gesellschaft viel gesünder, als wenn sich die Menschen selbst ihre Ersatzreligionen bauen. Die Ersatzreligion ist stark egobezogen, die Traditionen sind aber verbindend. Damit meine ich nicht enge Moralpolitik oder puritanische Strenge.

Was meinen Sie mit Ersatzreligionen?

Ohne Glaube fehlt dem Menschen etwas, denn dann ist er zurückgeworfen auf sich allein und die materielle Welt. Daraus entsteht Angst, und Angst macht verführbar für falsche Heilsversprechen durch Gurus und Populisten. Die Krise der liberalen Demokratie des Westens ist auch zu erklären durch den Bedeutungsverlust des Christentums, denn die dadurch entstandene Leere wird nicht selten mit Unsinn gefüllt. Dagegen möchte ich anschreiben. Zugleich tritt eine krude, unkontrollierte Form des Kapitalismus mit Heilsversprechen an, die Auswirkungen sehen wir allerdings in einer nicht zu ertragenden Ungleichheit.

Sie lieben Klöster und Orden.

Ja, Orden sind in der Geschichte des Christentums eine ganz starke Säule. Sie waren immer reformatorisch, haben immer wieder neu zum Kern des Christentums geführt. Und Klöster sind Orte, in denen spirituelle Hingabe und religiöses Erleben möglich sind, gerade auch heute noch. Meine Erfahrungen mit den Exerzitien der via integralis gehören zu meinen tiefsten Erfahrungen. Man muss dafür aber nicht immer in ein Kloster gehen, um den Mönch in sich zu suchen und zu entdecken. Das geht auch im Alltag, der wahrscheinlich wichtiger ist als jede kurze Auszeit.

Wie geht das?

Indem man versucht, Gott in wirklich allem zu finden und hinzuspüren auf ihn in allen Situationen, Begegnungen, Empfindungen des Alltags. In allem, was ich erlebe, was mich beschäftigt, positiv oder negativ, in allen Menschen, denen ich begegne. Das erfordert natürlich, dass man versucht, im Moment zu sein und nicht gedanklich ganz wo anders. Und das ist dann nichts anderes als beten. Das Handy muss man dafür natürlich in der Tasche lassen. Insgesamt, das klingt nun sicher irritierend, führe ich das Wort »Gott« nicht so oft im Mund. Ich bin keiner Anhänger einer Magie, der überall Göttliches erblickt und jedes Ereignis als Zeichen deutet. Wer innehält, dem Alltag Tiefe gibt, der ist wohl auf einem richtigen Weg zum Glauben. Der ist nichts zerstreuendes.

Sie sprechen sehr offen über Ihren Glauben.

Glaube ist heute fast so etwas wie ein Tabu. Wir sprechen heute durchaus offen über Sex – aber über den Glauben? Über unsere spirituelle Sehnsucht und Erfahrungen beim Beten? Das ist seit der Aufklärung peinlich und zur Privatsache erklärt worden. Wir bekennen uns heute öffentlich zu Klimaschutz, politischen Parteien oder Diversität. Aber zu Jesus Christus? Wir könnten da ruhig wieder mutiger werden; das geht auch ohne Frömmeln.

Haben Sie Tipps für den Anfänger, der wieder mehr Christentum wagen möchte?

Ich bin ja selber noch Anfänger. Aber vielleicht sind fünf Dinge hilfreich, die ich selbst erfahren habe:

  1. Augen aufmachen: der Alltag bringt uns am laufenden Band Situationen, Begegnungen, Empfindungen, in denen sich die Stimme Gottes verbergen kann. Ich kann mich üben, darauf hinzuspüren.
     
  2. Im Moment sein: das ist die Grundbedingung fürs Beten, dass man versucht, alles zu vermeiden, was einen unnötig abschweifen lässt. Das gilt vor allem für die Mediennutzung auf dem Handy. Meine Freundin und ich haben uns angewöhnt, dass wir den Tag mit einem Tee im Bett beginnen, mit einer unserer Schallplatten und mit dem Lesebuch aus dem Kloster Münsterschwarzach. Das ist eine Sammlung von religiösen Texten.
     
  3. Danken: nichts als selbstverständlich hinnehmen, sondern dankbar sein für alles, was man hat, denn Dankbarkeit ist eine Pforte zu Gott. Dazu gibt es den guten alten Brauch, das Brot, bevor man es aufschneidet, mit einem Kreuzzeichen zu segnen, oder ein Tischgebet zu sprechen. Wenn ich das mache, esse ich anders.
     
  4. Mystiker lesen: Menschen wie Teresa von Ávila oder Meister Eckhart haben ihre spannenden Erfahrungen mit Gott niedergeschrieben, und es ist gar nicht so schwer, diese Texte zu verstehen und nachzuempfinden. Lesen insgesamt ist die zentrale Versenkungstechnik der alteuropäischen Kultur.
     
  5. Kirchen ausprobieren: Wer in der Großstadt lebt, findet ein riesiges Spektrum an Angeboten und kann ausprobieren, was einen anspricht. Das ist eine der Stärken der katholischen Kirche, dass ihre Angebote von Rosenkranz über die lateinische Messe mit gregorianischen Chorälen über Hochämter mit prächtiger Kirchenmusik bis hin zu Exerzitien im Alltag reicht. Da ist für jeden etwas dabei.

Interview: Gerd Henghuber

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