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Maria – ein Star?

Maria genießt in der katholischen und in den orthodoxen Kirchen eine hohe Verehrung. Der „Stern der Meere“ ist zweifellos ein „Star“. Maria bleibt aber gänzlich unarrogant. Sie legt keine typischen Starallüren an den Tag, wie sie von den heutigen Größen aus dem Showbusiness durch die Illustrierten geistern. Maria verdankt ihre Prominenz keinem Casting, sondern der gnadenhaften Erwählung Gottes, auf die sie schlicht antwortet: „Mir geschehe nach deinem Wort“.

Die heilige Therese von Lisieux hat deshalb von Maria nicht in den Dimensionen des big and bigger gesprochen, sondern als Beispiel für den kleinen Weg. Klein ist ihr Weg deswegen, weil er nichts Außergewöhnliches fordert und daher von jedem Menschen gegangen werden kann. Es bedeutet nicht mehr, als sich auf die eigene Armut und Kleinheit einzulassen und sie wirklich zu bejahen, um von Gott die wahre Größe zu erlangen. Ignatius hat dies in sein bekanntes Wort gefasst: „Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich seiner Obhut ganz anvertrauen würden.“ Drei Aspekte bietet dies zur persönlichen Reflexion:

     

  1. Maria bleibt in der zweiten Reihe! Sie tritt nicht in das Rampenlicht der Bühne der Evangelien. Das steht in scharfem Kontrast zum Star, der kein Mikrophon für ein Statement auslassen kann.
    Suche ich das Außergewöhnliche oder reicht mir die gewöhnliche Aufmerksamkeit, die mir im Alltag geschenkt wird?
    Erfüllt mich auch ein Wirken aus der zweiten Reihe?
    Kann ich anderen meine Dankbarkeit zeigen?
    Selbst in Berufen, in denen die öffentliche Aufmerksamkeit notwendig dazu gehört, ist es möglich, Menschen in der zweiten Reihe zu achten. Auch die Augenblicke, in denen wir selber einmal groß rauskommen verdanken sich meist langer und geduldiger (Mit-) Arbeit (anderer). Maria war der stille, fruchtbare Nährboden, in dem auch Jesus heranwachsen durfte.
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  3. Maria neigt nicht zu Schnellschüssen. Mehrfach schreibt Lukas: „Sie bewahrte alles in ihrem Herzen“. Sie lässt ihre Erlebnisse nachwirken, denkt nach, prüft ihr Gewissen. Dabei hat es in ihrem Leben nicht an Turbulenzen gefehlt. Oft wurde sie in Situationen geführt, in denen andere die Konsequenzen gezogen hätten – jetzt, sofort und radikal! Wie viele haben wohl auf die werdende Mutter eingeredet? Wie viele Ratschläge, was jetzt und sofort zu tun wäre, mag sie gehört haben?
    Welchen Raum gebe ich einem Rückblick auf den Tag in meinem Leben?
    Wo wirken noch Schicksalsschläge in mir nach?
    Treffe ich meine Lebensentscheidungen aus einem lebendigen Gespräch mit Gott.
    Maria kann lehren, das Leben anzunehmen, wo es unverständlich bleibt. Jesus fordert seine Jünger auf, vorschnelle Urteile zu vermeiden: „Lasst beides, Unkraut und Weizen, wachsen“, denn oft stellt sich erst mit der Zeit heraus, was Unkraut und was Weizen ist. Maria hat diese Überzeugung gelebt. Über viele Jahre hat sie manches – nicht zuletzt ihren eigenen Sohn – nicht verstanden, aber sie ist drangeblieben und hat nicht vorschnell verurteilt und abgeschrieben!
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  5. Maria war treu. Manchmal wird sie sich einen „normalen“ Jesus gewünscht haben, der einer geregelten Arbeit nachgeht und eines Tages eine eigene Familie gründet. Wie oft mag sie über die typische Frage nachgedacht haben: „Warum muss so etwas ausgerechnet mir passieren?“ Auch wenn sie Jesus nicht folgen konnte, ist sie ihm treu geblieben. Sie hat sein Leid mitgetragen, unauffällig bis zum Karfreitag, wo sie mit dem Apostel Johannes unter dem Kreuz steht.
    Wie steht es mit meiner Treue zu meinem Ehepartner, zu meiner Familie?
    Wie verlässlich bin ich in Beziehungen und Freundschaften?
    Wo genieße ich mein Selbstmitleid?
    Treu sein bedeutet nicht, dass man immer dasselbe tun muss. Es gab viele Veränderungen im Leben Marias. Sie musste sich auf neue, unerwartete Situationen einstellen, umdenken, neu anfangen, usw. Aber durch diese wechselnde Welt zieht sich der rote Faden der Treue zu Jesus. Mutter-Sein war für sie kein Job, sondern Berufung und Lebensaufgabe.
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Maria ein Star? Applaus für die Gottesmutter? Posthum das Bundesverdienstkreuz? Maria könnte wohl mit unserer Art, Menschen zu ehren, wenig anfangen. Zu ihr passt besser eine schlichtere Form der Ehrerbietung, der Gruß des Engels und ihrer Verwandten Elisabet: „Gegrüßet seist Du Maria voll der Gnade, der Herr ist mit Dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus.“

Manfred Hösl SJ

Autor:

Manfred Hösl SJ

Pater Manfred („Josy“) Hösl SJ hat in Regensburg Theologie, Soziologie und Pädagogik studiert und ist 1991 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war Schulseelsorger im Kolleg St. Blasien und Pfarrer in Göttingen. Seit 2017 ist er Pfarrer von St. Canisius, Berlin-Charlottenburg.

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