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Jesuiten-Universitäten in Zeiten von Populismus, Polarisation und Post-Wahrheit

Vom 3. bis zum 6. August fand am Boston College, der ältesten Jesuitenuniversität in den USA, die Tagung der International Association of Jesuit Universities (IAJU) statt, des weltweiten Netzwerkes der Jesuitenuniversitäten und Hochschulen. 360 Teilnehmende aus aller Welt waren zusammengekommen, um über Herausforderungen, Identität und Zukunft von akademischer Ausbildung nachzudenken. P. Klaus Vechtel SJ von der Hochschule Sankt Georgen.berichtet von seinen Wahrnehmungen:

"Eine Vielzahl der Teilnehmenden waren (selbstverständlich) keine Jesuiten, sondern Frauen und Männer in Lehre, Leitung und Verwaltung jesuitischer Institutionen. Aus der zentraleuropäische Provinz nahmen von Hochschule für Philosophie in München Prof. Dr. Wallacher und Dr. Carolin Rutzmoser sowie zwei Studierende, Sarah Neukirchen und Leo König, über das „Global Citizen Fellow Program“ teil. Das Newman Institut in Uppsala war durch P. Philip Geister SJ und Dr. Eric Åkerlund vertreten. P. Peter Balleis SJ nahm als Leiter von Jesuit Worldwide Learning zusammen mit seinen Mitarbeitern Armando Borja und Martha Habashebenso an der Konferenz teil sowie der Delegat für Schulen und Hochschulen P. Christian Rutishauser SJ und P. Klaus Vechtel SJ

Der Generalobere der Gesellschaft Jesu, P. Arturo Sosa SJ, der während der ganzen Tagung anwesend war, hielt den Eröffnungsvortrag. Die Plenarsitzungen waren geprägt durch die Berichte der „task-forces“, die nach der letzten Konferenz  der IAJU 2018 in Bilbao gebildet wurden und die sich an den weltweiten apostolischen Präferenzen der Gesellschaft Jesu orientierten: „Global Citizenship“, Solidarität mit Geflüchteten und Migranten, Friede und Versöhnung, Umwelt und ökonomische Gerechtigkeit sowie die Rolle der Theologie an heutigen Jesuitenuniversitäten waren die Themen der Diskussionen im Plenum, während es in kleineren Arbeitsgruppen um vertiefende Fragen ging. Aus der Vielfalt von Themen und Eindrücken möchte ich drei Wahrnehmungen herausgreifen:

     

  • Eines der großen Themen, das die Konferenz und ihre Gespräche bestimmte, war die „politische Frage“: Verstehen diejenigen, die eine demokratische Kultur für selbstverständlich erachten, die wachsende Tendenz zu autokratischen Regierungsformen? P. Sosa sprach in seinem Vortrag von den „drei P“: Populismus, Polarisation und Post-Wahrheit. Im Kontext dieser Themenstellung erhält der Begriff der Säkularität für viele Teilnehmende eine positive Konnotation: Ein indischer Mitbruder begrüßte Säkularität, weil diese eine Trennung von Religion und Staat und somit eine Existenzberechtigung des Christentums gegenüber der staatlichen Macht impliziere, für die der Hinduismus Staatsreligion sei. „Secularism is our last shot“ – so ein Teilnehmer gegenüber dem zunehmenden Einfluss eines christlichen Fundamentalismus in der amerikanischen Politik und Gesellschaft. Welche Herausforderung stellt es dar, dass säkulare Gesellschaften auch postreligiöse Gesellschaften sein können? Dass es einer „reifen“ Säkularität“ bedarf, die ideologische, kulturelle und ökonomische Extreme überwunden hat (so noch einmal P. Sosa), damit der Bildungsauftrag jesuitischer Institutionen „fruchtbar“ werden kann, darf nicht aus dem Blick geraten.
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  • Philosophie und Theologie stehen für die großen Jesuitenuniversitäten nicht so im Zentrum wie für die Institutionen, die vor allen Dingen Philosoph:innen und Theolog:innen ausbilden. Die kontrovers diskutierte Frage nach der Rolle der Theologie an Jesuitenuniversitäten erwies sich (insbesondere in einem Arbeitspapier) als geprägt durch die us-amerikanische Perspektive und die Unterscheidung einer konfessionell gebundenen und einer überkonfessionellen Theologie („Religious Studies“). Vielleicht ist es die Aufgabe der kleineren philosophischen und theologischen Hochschulen und Institute, an dieser Stelle die Stimme zu erheben: Ein Gespräch mit säkularen Gesellschaften bedarf einer philosophischen Kompetenz. Von daher ist nicht zuletzt die Theologie auf eine starke und eigenständige Philosophie als Gesprächspartnerin angewiesen. Zugleich hat in säkularen Kontexten nicht nur die Rationalität der Gottesfrage und des christlichen Glaubens an Plausibilität verloren, sondern auch schlicht deren Relevanz. Eine konfessionell gebundene Theologie bezieht sich auch auf die spirituellen Sinnressourcen und Traditionen des Christentums. Akademischen Jesuiteninstitutionen kann aufgrund ihres ignatianischen Erbes die Aufgabe zukommen, Theologie und Spiritualität nicht unvermittelt nebeneinander stehen zu lassen und Rationalität und existenzielle Relevanz des christlichen Glaubens miteinander zu vermitteln.
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  • Die vielen Gespräche und Begegnungen in Sitzungspausen sind insbesondere nach den vergangenen zwei pandemischen Jahren von unschätzbarem Wert. Beeindruckend und gleichzeitig auch bedrückend ist es für mich, wie die Universität St. Joseph in Beirut trotz schwierigster politischer und ökonomischer Umstände im Libanon ihre Arbeit fortsetzt. Es bleibt weiterhin eine Frage, wie die Arbeit von St. Joseph wirkungsvoll unterstützt werden kann. Auch die Frage, wie die Studierenden unserer Institutionen bei den Konferenzen der IAJU präsenter sein können, gilt es weiter zu beachten. Schließlich sollten auch die schönen Momente beim feierlichen Dinner nicht unerwähnt bleiben: Dass zu einem solchen Dinner in den USA zum Abschluss auch ein großes Feuerwerk gehört, lässt dabei den Teilnehmenden des „alten“ Europa (neben allen ökologischen Fragen) auch etwas schmunzeln."
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P. Klaus Vechtel SJ

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