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Internationaler Workshop in Spanien zum Umgang mit religiöser Vielfalt an Jesuitenhochschulen

Schon im Juli fand an der von Jesuiten geführten ESADE Business and Law School in Sant Cugat (bei Barcelona) in Spanien ein internationaler Workshop statt. Dreißig Vertreterinnen und Vertreter aus Professorenschaft und Verwaltung von Jesuitenhochschulen weltweit nahmen daran teil. Thema waren die besonderen Herausforderungen religiöser Vielfalt für die pädagogischen Ansätze an Jesuitenhochschulen. Von Prof. Dr. Dirk Ansorge, Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen stammt der nachfolgende Bericht:

Allen sich derzeit abzeichnenden neuen Blockbildungen zum Trotz: Weltweite Mobilität und der Austausch von Daten haben religiöse Vielfalt zu einer erfahrbaren Realität auf dem Globus werden lassen. Die Art und Weise, wie sich religiöse Vielfalt in einer Gesellschaft manifestiert, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Regelmäßig allerdings sind Universitäten und Hochschulen Orte religiöser Vielfalt. Man kann diese Vielfalt seitens der Universitätsleitungen als gegeben hinnehmen; man kann sie aber auch als pädagogische Aufgabe wahrnehmen. Dies wird spätestens dann unausweichlich, wenn sich religiöse Vielfalt in Formen eines intoleranten Fundamentalismus artikuliert.

Von Jesuiten getragene Universitäten und Hochschulen – weltweit gibt es davon etwa 180 – haben sich dafür entschieden, religiöse Vielfalt als pädagogische Herausforderung und Chance zu betrachten. Eine in Tradition und Spiritualität des Ordens wurzelnde Pädagogik muss einerseits den religiösen und spirituellen Bedürfnissen der Studierenden gerecht werden, zugleich aber der teils durch Fundamentalismen jeglicher Art, teils durch Atheismus, Agnostizismus und Säkularität bestimmten Lebenswelt junger Menschen entsprechen.

Wie dies im konkreten sozialen, kulturellen und auch religiösen Kontext geschehen kann, ist oft nur lokal zu entscheiden. Dennoch kann ein Austausch über Grenzen nur bereichernd sein. Deshalb fand vom 4. bis 6. Juli 2022 an der von Jesuiten geführten ESADE Business and Law School in Sant Cugat (bei Barcelona) in Spanien ein internationaler Workshop statt. Dreißig Vertreterinnen und Vertreter aus Professorenschaft und Verwaltung von Jesuitenhochschulen weltweit – mit Ausnahme von Australien waren alle Kontinente vertreten –, Laien wie Jesuiten, nahmen daran teil. Sie stellten die besonderen Herausforderungen religiöser Vielfalt in ihren Ländern vor und diskutierten die darauf jeweils eine Antwort suchenden pädagogischen Ansätze.

Der dreitägige Workshop war ein Baustein des Projekts „Jesuit Higher Education and Religious Diversity" (JHERD), das wiederum der Internationalen Vereinigung der Jesuitenuniversitäten (IAJU) zugeordnet ist. Hier gibt es eine Arbeitsgruppen zum Thema „Interreligiöse Vielfalt und Verständigung“. Das Projekt begann seine Arbeit im Jahr 2020 unter der Leitung von Dorian Llywelyn SJ (University of Southern California) und Pep Mària SJ (ESADE, Barcelona).

An einem ersten virtuellen Symposium nahmen im Sommer 2020 siebzehn Vertreter und Vertreterinnen von Jesuitenuniversitäten in Amerika, Europa und Asien Teil. Die leitende Fragestellung lautete: Wie ist die katholische Identität der Hochschulen mit dem religiösen und weltanschaulichen Pluralismus der Studierenden und teils auch Lehrenden vereinbar? Dies ist eine Frage, die auch in Deutschland zahlreiche kirchliche Einrichtungen innerhalb und außerhalb des Ordens im Bildungsbereich, in Caritas und Diakonie bewegt.

„Unsere Universitäten und Hochschulen sind katholisch verpflichtet und erfüllen dennoch ihren Auftrag für und mit vielen Studierenden, Lehrkräften und Mitarbeitern mit unterschiedlichen oder gar keinen religiösen Verpflichtungen. Wie können wir unsere Rolle in diesem Bereich vertiefen und erweitern?“ (Dorian Llywelyn SJ).

Im Anschluss an das virtuelle Symposium im Sommer 2020 traf sich der Lenkungsausschuss der JHERD ein Jahr lang regelmäßig, um sich über pädagogische Kontexte und bewährte Praktiken im Zusammenhang mit religiöser Vielfalt, Pluralität und Säkularität auszutauschen. Zum Lenkungsausschuss gehören Catherine Cornille (Boston College, USA), Oscar Bulaong Jr. (Ateneo de Manila University, Philippinen), Vincent Sekhar SJ (Arul Anandar College, Madurai, Indien), Teo Mellén und Pep Mària SJ (ESADE, Barcelona). Mit der Unterstützung von P. Michael Garanzini SJ und P. Joseph Christie SJ aus dem Generalat bereitete der Lenkungsausschuss das Symposion im Mai 2022 vor. Eingeladen waren Vertreter aller sechs Jesuitenkonferenzen (Nordamerika, Lateinamerika, Afrika, Europa, Südasien und Ostasien-Pazifik). Dreißig Vertreter und Vertreterinnen von Jesuitenhochschulen folgten der Einladung; mit Ausnahme von Australien waren alle Kontinente in Sant Cugat vertreten.

In den Berichten der Teilnehmenden zeichnete sich ein beeindruckendes Panorama kultureller und religiöser Vielfalt ab. Zugleich wurden die Herausforderungen deutlich: Wie mit dieser Vielfalt im Geist ignatianischer Pädagogik umgehen? Wie den unterschiedlichen sozialen und auch politischen Herausforderungen in den jeweiligen Ländern gerecht werden?

Über den Globus hinweg ergaben sich teils überraschende Konvergenzen. So konnten zum Beispiel Hochschulen aus Ländern, in denen Christen eine Minderheit darstellen, Gemeinsamkeiten mit anderen Hochschulen entdecken, auch wenn sie Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen – wie etwa Indien und Indonesien. Hochschulen in stark säkularisierten Gesellschaften sahen sich bei der Vermittlung ignatianischer Prinzipien vor vergleichbaren Herausforderungen – so etwa in Deutschland, Uruguay und China. In traditionell christlichen Gesellschaften stellen sich ebenfalls vergleichbare Herausforderungen – so etwa in den USA und Kenia. Wie können hier nichtchristliche Überzeugungen in katholische Bildungsbemühungen integriert werden? Anders wiederum sieht es in Gesellschaften aus, in denen religiöse Fundamentalismus herrschen oder gar zunehmen.

Viele Beispiel aus der Hochschulpraxis wurden ausgetauscht. Interreligiöse Pilgerfahrten und Studienreisen, kontemplative Übungen oder karitatives Engagement beispielsweise führen Studierende und Lehrende unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Orientierungen zusammen. Jenseits der fachlichen Ausbildung in den jeweiligen akademischen Disziplinen geht es um eine Vertiefung persönlicher, spiritueller und intellektueller Kompetenzen.

Hierzu zählt auch der Austausch von Studierenden zu Auslandspraktika während des Studiums. Solche Praktika verschaffen den Studierenden nicht nur fachliche Erfahrungen, die für ihre späteren Berufe hilfreich sind, sondern dienen auch der Persönlichkeitsbildung. Während ihrer Praktika werden die Studierenden intensiv betreut. Inzwischen hat sich für diesen Austausch ein dichtes Netz internationaler Kooperationen von Jesuitenhochschulen etabliert.

Übereinstimmend berichteten die Hochschulvertreter von einem hohen Interesse der Studierenden an spirituellen Erfahrungen und karitativ-sozialem Engagement. Bisweilen gibt es allerdings spürbare Vorbehalte, sich der katholischen Kirche zu nähern. Wie solchen Vorbehalten einfühlsam begegnet werden kann, war wiederholt Gegenstand intensiven Austausches unter den Teilnehmenden. Vergleichbar herausfordernd wurde der Umgang mit sich säkular verstehenden Studierenden empfunden. Wie kann den verschiedenen Gruppen im Rahmen einer ignatianischen Pädagogik angemessen begegnet werden?

Häufig wurde von Wegen gemeinsamer spiritueller oder karitativer Praxis berichtet, welche menschliche Nähe ermöglichen und wechselseitiges Verstehen erleichtern. Und dies auch dort, wo – wie etwa in Indien oder Indonesien – die interreligiösen Beziehungen durch zunehmende Spannungen geprägt sind.

Überhaupt wurden erfahrungsorientierte Ansätze ignatianischer Pädagogik als durchwegs vielversprechend beurteilt. Durch das gemeinsame Leben auf Zeit, das gemeinsame Lernen und gemeinsame Arbeiten erhalten christliche und nichtchristliche Studierende die Gelegenheit, „Gott in allen Dingen zu finden“ – auch in ihrem religiös unterschiedenen oder säkularen Nachbarn.

Neben der Ausbildung der Studierenden wurde auch die Ausbildung des Lehrkörpers als notwendig und hilfreich beurteilt, um die Realität des religiösen Pluralismus konstruktiv zu gestalten. Weltweit gibt es diesbezüglich sehr unterschiedliche Modelle – so etwa jährliche Exerzitien in der ignatianischen Tradition für alle Angestellten und Lehrkräfte einer Hochschule. Ein solches Modell ist zweifellos nicht im globalen Maßstab anwendbar, regt jedoch auf jeden Fall an, eigene Wege zu suchen und zu beschreiten. Gerade die ignatianische Pädagogik gibt den Lehrkräften wirksame Instrumente an die Hand, ihre individuelle Berufung zu erkennen und ihre persönliche Identität zu gewinnen.

Am Ende des Workshops wurden weiterführende Perspektiven erörtert. Insbesondere sollen die bereits bestehenden Beziehungen unter den Jesuitenhochschulen intensiviert werden – etwa durch den Austausch von Studierenden und Lehrenden. Ein fortgesetzter Erfahrungsaustausch kann neue Initiativen anregen und mit Blick auf den religiösen Pluralismus zur Vertiefung ignatianischer Pädagogik führen. In diesen Prozess wird sich Sankt Georgen schon deshalb gerne einbringen, weil die Hochschule in einer religiös ungewöhnlich vielfältigen Stadt angesiedelt ist, und weil auf ihrem Campus Studierende aus aller Welt Erfahrungen religiöser Vielfalt unmittelbar lebendig werden lassen.

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