• Kerollous Shenouda, stellvertretender Direktor JRS Deutschland

Integration ist kein Luxus, sondern stärkt unsere Gesellschaft

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat den Zugang zu Integrationskursen für bestimmte Gruppen „bis auf Weiteres“ gestoppt. Vorerst werden keine freiwilligen Teilnehmer mehr zugelassen.

Betroffen sind unter anderem Asylbewerber im laufenden Verfahren, Geduldete sowie Geflüchtete aus der Ukraine. Als Grund nennt die Behörde „finanzielle Herausforderungen“.

Dieser Stopp sendet eine klare Botschaft an viele Migrantinnen und Migranten: Wer freiwillig Deutsch lernen und sich integrieren möchte, wird abgewiesen – gerade in einer Zeit, in der Deutschland Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen möchte, um die Belastung durch unbesetzte Stellen auf dem Arbeitsmarkt zu verringern. 

Was sind Integrationskurse genau?

Integrationskurse sind staatlich geförderte Programme, die Sprachunterricht (in der Regel bis zum Niveau B1) mit einem sogenannten Orientierungskurs verbinden. Neben Kenntnissen über Grammatik und Wortschatz vermitteln sie Wissen über Rechtsordnung, Geschichte, Kultur und Werte der Bundesrepublik Deutschland. Am Ende stehen standardisierte Prüfungen, die für Aufenthaltstitel, Einbürgerung oder den Zugang zum Arbeitsmarkt von zentraler Bedeutung sind.

Im Vergleich zu reinen Online-Angeboten zeigt sich schnell, dass digitale Kurse zwar praktisch und flexibel sind, aber vieles nicht ersetzen können, was für eine gelungene Integration entscheidend ist. Am Bildschirm fehlt häufig die persönliche Begleitung durch eine Lehrkraft, die merkt, wenn jemand Schwierigkeiten hat, nachfragt, erklärt und individuell unterstützt. Auch eine feste Struktur mit klaren Lernzielen und regelmäßiger Rückmeldung zum Leistungsstand ist online nicht immer gegeben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der direkte Austausch mit anderen. In Präsenzkursen begegnen sich Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Lebenssituationen. Man spricht miteinander, übt Alltagssituationen zu bewältigen, lacht gemeinsam und gewinnt Sicherheit im Umgang mit der neuen Sprache. Gerade für Menschen, die wenig Schulbildung haben, kaum Lernerfahrung mitbringen oder zu Hause keine ruhige Lernumgebung finden, sind feste Unterrichtszeiten, klare Abläufe und persönliche Ansprache besonders wichtig. Diese Verlässlichkeit hilft vielen dabei, dranzubleiben und echte Fortschritte zu machen. Kurz gesagt: Integration gelingt, wo Menschen zusammenkommen und sich verständigen, nicht anonym an Bildschirmen. 

Für wen gilt dieser Stopp?

Von dieser Bestimmung sind Menschen betroffen, die den echten Willen haben, Teil unserer Gesellschaft zu sein und sich zu integrieren. Sie möchten die Sprache lernen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Asylbewerber, Geduldete oder Geflüchtete aus der Ukraine dürfen nun nicht mehr freiwillig an Integrationskursen teilnehmen. Das widerspricht auch dem Interesse unserer Gesellschaft, eingewanderte Menschen langfristig in Abhängigkeit und Isolation zu halten. Wer hier lebt, soll mit uns leben, nicht neben uns her und vor sich hin.

Die Folgen für Gesellschaft:

  • Ausgebildete Fachkräfte, etwa in der Krankenpflege, können ohne Sprachkenntnisse keine Arbeitsstelle finden, obwohl gerade in diesen Bereichen Fachkräfte dringend benötigt werden.
    Frau Shevchenko, ausgebildete Krankenpflegerin aus der Ukraine, verfügt über mehrere Jahre Erfahrung in der stationären Pflege. Nach ihrer Einreise nach Deutschland bemühte sie sich um eine Anstellung in einem Berliner Pflegeheim. Trotz des hohen Bedarfs an Pflegefachkräften erhielt sie zunächst keine Zusage, da sie über keine ausreichenden Deutschkenntnisse verfügte und die fachsprachliche Kommunikation mit Patientinnen, Patienten und Pflegepersonal nicht möglich war.
  • Ausbildungswillige Asylsuchende können keine Ausbildung beginnen, da die notwendigen Deutschkenntnisse fehlen.
    Herr Ali Al-Samarrai, aus dem Irak, möchte in Deutschland eine Ausbildung als Maler beginnen. Nach seiner Ankunft stellte er einen Asylantrag und zeigte großes Interesse an handwerklicher Arbeit. Trotz seines Engagements konnte er bisher keine Ausbildungsstelle antreten, da die erforderlichen Deutschkenntnisse für die Berufsschule und die Kommunikation im Betrieb fehlen. Erst durch einen intensiven Sprachkurs könnte er die Voraussetzungen erfüllen und eine Ausbildung aufnehmen. Diese Kurse sind teuer und, diese Kurse, wenn sie selbst gezahlt werden müssen, für die Asylsuchenden nicht erschwinglich. nicht für die Asylsuchenden nicht erschwinglich.
     
  • Anerkennungsverfahren in vielen Berufen, insbesondere im medizinischen Bereich, werden blockiert, weil die erforderlichen Deutschkenntnisse nicht erlangt werden können.
    Herr Ahmed Al-Mahdi, Tierarzt aus Libyen, verfügt über eine abgeschlossene veterinärmedizinische Ausbildung und langjährige Berufserfahrung. Nach seiner Einreise nach Deutschland beantragte er die Anerkennung seines Berufs, um die Approbation zu erhalten. Das Verfahren konnte bisher nicht abgeschlossen werden, da er die erforderlichen Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 für die fachsprachliche Prüfung nicht erreicht hat. Trotz seines fachlichen Wissens bleibt ihm der Zugang zu einer qualifikationsgerechten Tätigkeit als Tierarzt bislang verwehrt.
     
  • Tausende Menschen werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen – obwohl gerade ihr Engagement unsere Gesellschaft stärkt und die allgemeine Erwartung herrscht, dass Eingewanderte durch Arbeit ihren Beitrag zur Integration leisten.

Wenn Menschen ausgeschlossen werden, fehlen nicht nur Arbeitskräfte und Fachkräfte, auch ihre Integration verzögert sich. Die dadurch entstehenden Folgen wie entgangene Arbeit und verpasste Chancen übersteigen die eingesparten Kosten für Integrationskurse bei weitem.


Ohne Deutschkenntnisse können Menschen weder arbeiten, noch leben, noch ihre Rechte und Pflichten voll wahrnehmen. Integrationskurse sind kein Luxus, den die Gesellschaft sich leistet, sondern sie stärken unsere Gesellschaft und sind eine notwendige Investition, welche die Kosten versäumter Integration weit übersteigt.

Wir fordern daher die Weiterfinanzierung von Integrationskursen, um Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen und unsere Gesellschaft nachhaltig zu stärken – sowohl sozial als auch wirtschaftlich. 

Wir bitten auch die kommunalen Behörden, sich solidarisch zu zeigen und vor Ort Deutschkurse zu fördern, um die Integration für alle weiterhin nachhaltig zu unterstützen.

Kerollous Shenouda, stellvertretender Direktor JRS Deutschland

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