Wie die Studierenden ihr Leben trotz und gerade wegen der vielen aktuellen Herausforderungen in die Hand nehmen, beeindruckt P. Andres Schalbetter SJ. Als Leiter der Katholischen Universitätsgemeinde kug Basel ist es ihm ein großes Anliegen, junge Menschen nicht anzuleiten, sondern sie auf ihrem Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft zu begleiten. Im Interview gibt er Einblicke, mit welchen Themen und Fragen die Studierenden zu ihm in die Hochschulgemeinde kommen, und erklärt, warum Religion für junge Menschen weiterhin eine Rolle spielt.
Pater Schalbetter, was inspiriert Sie bei ihrer Arbeit mit Studierenden?
Ich bin sehr froh, dass ich mit jungen Menschen arbeiten darf. Die Nähe zur Jugend hilft mir, in Bewegung zu bleiben. Ich habe alle Achtung vor den jungen Menschen und staune, wie sie mit den heutigen Herausforderungen umgehen. Das finde ich nicht selbstverständlich.
Wie machen die jungen Leute das?
Im Moment gibt es besorgniserregende Umstände. Auf der anderen Seite hat der Mensch ein enormes Potenzial und das traue ich auch den jungen Menschen zu. Es wird große Umwälzungen geben, aber die können eine Chance sein. Dass man zum Beispiel im Sinne der Suffizienz auch mit weniger schon zufrieden sein kann.
Was gibt Studierenden heute Hoffnung?
Sich als Teil einer Gruppe zu fühlen. Gerade auch in der Corona-Zeit ist es jenen am besten gegangen, die Teil einer größeren Gruppe waren, zum Beispiel einer Wohngemeinschaft. Neben dem Drang zum Individualismus und zur Selbstentfaltung gibt es auch diese Seite – zu wissen: Ich bin nicht allein. Ich bin Teil einer Gemeinschaft.
Ein zweiter Aspekt ist, dass ich Halt finde durch meine Religion und meinen Glauben. Da hat sich über die Jahrzehnte vieles verändert. Heute verflüchtigt sich der Glaube in der Gesellschaft und jene, die mit dem Glauben noch etwas zu tun haben möchten, wollen konkreter wissen, was denn diesen Glauben ausmacht. Deshalb suchen sie Gleichgesinnte: Sie verbünden sich mit anderen.
Wie bei Ihnen in der Hochschulgemeinde. Mit welchen Anliegen kommen die jungen Menschen zu Ihnen?
Ein großes Thema ist die Frage der Beziehung, Freundschaft und Familie. Ist das der richtige Partner für mich? Oder habe ich mich getäuscht, wurde ich getäuscht? Lohnt es sich, mehr in diese Beziehung zu investieren oder muss ich neu beginnen?
Manchmal kommen die Studentinnen und Studenten auch mit gewissen Ängsten und Sorgen zu uns. Sie sind froh, diese aussprechen zu können. Zum Teil gibt es auch Abhängigkeiten und Suchtverhalten bis hin zu Menschen, die psychologisch unausgeglichen sind. Dort ist meine Rolle nicht, die Psychologie zu ersetzen, aber die Psychologie zu ergänzen.
Wie können Sie die Studierenden in ihrer jeweiligen Situation begleiten?
Je nachdem, was vordergründig ist, sind Gespräche die Unterstützung, die wir geben können: Einzelgespräche, Beratung und geistliche Begleitung. Zum anderen sind wir eine Art Andockstelle. Zum Beispiel sonntagabends kommen in der Regel zwischen 50 und 60 Personen zu uns. Hier haben wir eine integrative Aufgabe: Menschen aus verschiedenen Kulturen und Ländern zusammenzuführen.
Eine so große Resonanz ist nicht selbstverständlich. Also ist Religion weiterhin relevant, gerade auch für Studierende?
Der jüdisch-christliche Glaube ist ein riesiger Schatz, aus dem wir schöpfen können und der uns Friede und Gerechtigkeit schenkt.
Wenn wir zum Beispiel die Zehn Gebote nehmen, könnte man sagen: Wenn wir nach diesen Zehn Geboten handelten, hätten wir keinen Krieg. Dann gäbe es weniger Ungerechtigkeit in der Welt. Insofern ist das Christentum für mich eine wunderbare Antwort auf viele Fragen, die da sind. Im Christentum können wir vieles miteinander verbinden: Einsatz für Gerechtigkeit, soziales Engagement, Einsatz für den Planeten Erde als Teil der Schöpfung, aber auch Sinnstiftung.
Was gibt Ihnen Zuversicht, dass Religion an einer säkularen Institution wie einer Hochschule weiterhin eine Rolle spielen wird?
Säkulare Gesellschaft – was heißt das? Was bleibt dann noch übrig? Nicht nur das, was messbar ist, zählt. Es gibt viele andere Dinge, die im Leben wichtig sind. Die Geisteswissenschaft ist eine erste Antwort auf die Naturwissenschaft, eine erste Erweiterung. Die zweite Erweiterung ist das geistliche Leben, das Christentum mit seinem riesigen Schatz an Erfahrung und Weisheit. Dieser Schatz wird manchmal überdeckt durch gewisse Themen wie Missbrauch und Macht, aber im Grunde ist er etwas sehr Tiefes und Schönes: die in Jesus Christus gegründete Kirche. Wir versuchen, aus dieser Kraft zu schöpfen und das Evangelium auch im Dialog mit der Welt von heute den heutigen Menschen näher zu bringen.
Das ist gewiss keine leichte Aufgabe.
Ich bin sicher, dass das Pendel früher oder später wieder in die andere Richtung schlägt. Ich glaube nicht, dass es nur bergab geht mit dem Glauben. Als Beispiel ist Frankreich zu nennen, wo es in diesem Jahr an die 18.000 Taufen von Jugendlichen und Erwachsenen gab. Das ist ein Zeichen, dass sich die Gesellschaft wandelt und längere Prozesse manchmal eine Generation überspringen – der Glaube geht von einer Generation zur übernächsten.
Warum gibt Ihnen die Arbeit mit jungen Menschen so viel zurück?
Weil ich sehe, wie viel Lebenskraft und Lebenswille bei ihnen da ist. Weil sie das Leben in die Hand nehmen. Weil viel Positives und Schönes gelingt – zum Beispiel in ihren Dissertationen über Themen, die heute wesentlich sind wie Klimawandel, Biodiversität, soziale Gerechtigkeit, Frieden.
Das sind große Themen. Was glauben Sie: Werden es die Studierenden von heute schaffen, die Welt von morgen gut mitzugestalten?
Ich könnte auf diese Frage die Gegenfrage stellen: Wer denn sonst als die Studentinnen und Studenten, die jungen Erwachsenen, können die Welt von morgen gestalten?
Ich finde unsere Aufgabe als Jesuiten sehr schön, junge Menschen auf dem Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft zu begleiten. Es geht nicht darum, die jungen Menschen anzuleiten, sondern sie zu begleiten. Sie bilden die Zukunft.




