• Interview mit dem US-Jesuitenpater James Martin SJ
  • Geht Beten auch via Twitter?
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Beten für den Frieden in der Ukraine - auch wenn es sich sinnlos anfühlt

Ashley McKinless ist leitende Redakteurin bei Americamagazine.org. Tausende von Kilometern entfernt, beobachtet sie die Lage in der Ukraine mit Sorge. In einem Interview mit James Martin SJ spricht sie darüber ob Beten in dieser Situation wirklich helfen kann.

Als am Mittwoch die Nachricht vom Einmarsch Russlands in die Ukraine bekannt wurde, scrollte ich durch Twitter. Was zunächst als eine sinnlose Tätigkeit erschien, wurde schnell zu einer aufgeregten Suche nach weiteren Details und Entwicklungen. Zwischen all den Nachrichten und Kommentaren - Videos eines CNN-Reporters, der seine Schutzkleidung anzog, während Kiew von Explosionen erschüttert wurde, und Partisanen, die ein übliches Ziel fanden, das Tausende von Kilometern entfernt für einen Konflikt verantwortlich gemacht werden konnte - waren Gebete.

"Ich bete inständig, dass kein Blut vergossen wird und dass unser Land, wenn es denn sein muss, nicht so eingreift, dass es noch schlimmer wird", schrieb Elizabeth Bruenig, eine Mitarbeiterin von The Atlantic, in einem Tweet. Ich drückte den Like-Button.

"Unsere Liebe Frau, Königin des Friedens, bete für uns", sagte die katholische Schriftstellerin Shannon Last. Herz-Emoji. Ich habe einen Screenshot des Gebets von Präsident Joe Biden für die Menschen in der Ukraine geliked und einen Aufruf eines Jesuitenpriesters an die Katholiken, ihre Messen zu besuchen.

Dann stellte ich mir die gleiche Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich eine Tragödie in Echtzeit auf Twitter abspielt: Was tue ich eigentlich? Zählt das Liken eines Tweets als Beten? Ich bin ins Bett gegangen und habe ein echtes Ave Maria gesprochen. Aber auch das kam mir ziemlich sinnlos vor, angesichts der offensichtlichen Drohung Wladimir Putins mit einem Atomkrieg gegen jeden, der es wagt, unschuldige Zivilisten in der Ukraine zu verteidigen.

Dies ist natürlich kein neues Problem. Nach jedem Amoklauf in den Vereinigten Staaten gibt es diejenigen, die für die Opfer und für vernünftige Waffengesetze beten - und diejenigen, die "Gedanken und Gebete" als leere Worte verspotten. Diese Gebete können jedoch zusammen mit der Forderung einer allgemeinen Prüfung des Strafregisters angeboten werden. Und Gebete für das Ende vor Abtreibungen können gleichzeitig mit materieller Unterstützung für schwangere Frauen einhergehen. Sie können angesichts des Klimawandels beten und Ihren Lebensstil anpassen, um Ihren CO2-Fußabdruck zu verringern.

Aber im Fall der Ukraine können die meisten Amerikaner weder Präsident Putin noch den Verlauf des Krieges beeinflussen (obwohl wir an humanitäre Gruppen vor Ort spenden können). Gebete sind also wirklich alles, was uns bleibt. Aber was bewirken sie? Was soll ich sagen oder fühlen, wenn ich für die Ukraine bete? Geht es darum, Gott zum Eingreifen zu bewegen oder einfach nur darum, mein eigenes Herz zu erweichen, damit ich mit meinen ukrainischen Brüdern und Schwestern leiden kann?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, wandte ich mich an meinen Kollegen in Amerika, James Martin, S.J., der nicht nur das Buch „Beten lernen. Eine Anleitung für jeden“ geschrieben hat, sondern auch ein geistlicher Begleiter ist, der mir in den letzten acht Jahren geholfen hat, die (vielen) Unsicherheiten zu verarbeiten, die ich in Bezug auf mein Gebetsleben habe.

AM: Warum sollten Katholiken für den Frieden in der Ukraine beten?

JM: Zunächst einmal ist Frieden etwas, das Jesus sich wünscht. Einer der häufigsten Sätze in seinem gesamten öffentlichen Wirken ist "Friede sei mit euch". Es ist sogar das erste, was Christus nach der Auferstehung zu den Jüngern sagt. Beachten Sie, dass er nicht sagt: "Glaubt, dass bei Gott nichts unmöglich ist" oder "Der Vater hat mich von den Toten auferweckt" oder gar "Ich habe den Tod besiegt", die alle wahr sind, sondern etwas Einfacheres: "Der Friede sei mit euch." Christus wünschte sich Frieden für die Jünger und wünscht sich Frieden für uns. Christus wünscht sich auch die Einheit. "Dass sie alle eins seien", betet er an anderer Stelle in den Evangelien. Frieden und Einheit sind also das Herzstück der christlichen Botschaft. Wir sollten Gott bitten, dass er uns hilft, diesen Frieden zu verwirklichen, vor allem in von Krieg zerrissenen Gebieten wie der Ukraine.

AM: Sind die Gebete dazu gedacht, Gott zu bitten, den Lauf der Dinge zu ändern? Um unsere eigenen Herzen zum Frieden zu bekehren? Oder etwas anderes?

JM: Das ist eine schwierige Frage. Einerseits gibt es die klassische Vorstellung, dass Gott unveränderlich und unwandelbar ist, und dass das, was Gott tun will, er auch tun wird. Und in dieser Denkweise gibt es wenig, was wir tun können, um das zu beeinflussen. Auf der anderen Seite gibt es die ebenso wichtige Vorstellung von einem Gott, der auf die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen eingeht.

Angesichts dieser beiden Ansätze denke ich, dass das beste Bild von Gott Jesus ist, der natürlich die Inkarnation Gottes ist. Und in Jesus sehen wir einen Gott, der uns unbedingt nahe sein will, so sehr, dass er einer von uns wird. Und in den Evangelien fordert Jesus uns auf, unsere Wünsche zu benennen. Erinnern Sie sich an die Geschichte von Bartimäus, dem blinden Bettler, in der er fragt: "Was willst du, dass ich für dich tue?" Gott will also wissen, was wir wollen.

Und ich glaube, dass Gott unsere Gebete erhört und antwortet, auch wenn die Antwort manchmal nicht durch eine plötzliche Wendung der Ereignisse erfolgt, sondern indem wir unsere eigenen Herzen wandeln: sie erweichen, in uns ein Gefühl des Mitgefühls oder sogar einen gerechten Zorn über Ungerechtigkeit wecken. Ich denke also, dass Gott sowohl handelt, als auch uns auch zum Handeln bewegt.

AM: Was ist, wenn ich als Antwort auf meine Gebete nichts fühle oder höre?

JM: Auch das ist eine schwierige Frage. Und wir müssen zugeben, dass dies häufiger geschieht, als uns lieb ist. In Beten lernen spreche ich viel über dieses Thema. Wenn wir zum Beispiel dafür beten, dass jemand von einer Krankheit geheilt wird und dann stirbt, wurden unsere Gebete nicht so beantwortet, wie wir es uns gewünscht hätten. Natürlich gibt es viele Antworten auf die Frage nach unbeantworteten Gebeten: Gott testet uns; Gott gibt uns etwas anderes oder etwas "Besseres" (wie Geduld); Gott antwortet uns auf eine Weise, die wir nicht sehen können, und so weiter. Aber keine dieser Antworten befriedigt jeden Menschen, der mit tiefem Leid konfrontiert ist. Das heißt, man kann den Eltern eines krebskranken Kindes nicht sagen: "Gott gibt dir etwas Besseres". In meinem Leben halte ich es für eine Einladung, an einen Gott zu glauben, den wir nicht verstehen. Die Beziehung ist wichtiger als die Ergebnisse. Also noch einmal: Können Sie an einen Gott glauben, der geheimnisvoll ist?

AM: Welchen Rat haben Sie für jemanden, der das Gefühl hat, dass seine Gebete um Frieden vergeblich sind?

JM: Erstens, sich daran zu erinnern, dass Gott geheimnisvoll ist und wir nicht wissen, wie Gebete genau "funktionieren". Mit anderen Worten: Gott ist kein kosmischer Kaugummiautomat, in den man ein Gebet "einwirft", und heraus kommt ein bonbonfarbenes Ergebnis. Gott ist immer ein Mysterium, immer jenseits von uns. Aber das bedeutet nicht, dass Gott nicht an unserem Leben interessiert ist. Christen glauben nicht an den fernen aristotelischen Gott als "denkenden Gedanken". Nein, Gott hat uns so sehr geliebt, dass er einer von uns wurde, in Jesus Christus. Und er war bereit, für uns zu sterben. Wie viel mehr "Beweise" könnten wir für den Wunsch Gottes haben, uns nahe zu sein? Vielleicht bekommen wir auch nicht sofort, worum wir bitten, in diesem Fall um Frieden, aber wir müssen darauf vertrauen, dass Gott in der Welt am Werk ist und unsere Gebete erhört werden. In diesen Tagen bete ich inständig für den Frieden, besonders in der Ukraine. Wie werden diese Gebete erhört werden? Vielleicht dadurch, dass Gott die Herzen öffnet und die Gedanken auf Wege des Friedens, der Einigkeit und der Versöhnung lenkt. Vielleicht indem er in uns ein intensives Mitgefühl für die Opfer des Krieges weckt. Vielleicht indem er uns mit Empörung über das durch den Krieg verursachte Leid erfüllt.
Vergessen Sie nicht/ Denken Sie daran, dass dies eine Art und Weise ist, wie Gott "wirkt", indem er die Herzen zum Handeln bewegt. Wie sollte Gott sonst in der Welt handeln?

AM: Beten Sie auf Twitter? Wozu soll das gut sein?

JM: Manchmal schreibe ich Gebete und poste sie auf Twitter. Ich hoffe, dass dies einigen Menschen hilft, ihre Gebete zu konzentrieren und gemeinsam zu beten, auch wenn es viele andere Orte gibt, an denen man beten kann. Und heute Morgen war ich sehr bewegt, als ich auf Twitter Bilder von AP sah, die eine ukrainische Frau zeigten, die aus ihrem Haus gezwungen wurde und unter Tränen sagte "Wir müssen unsere Häuser verlassen! Was ist hier los?" Ihr Gesichtsausdruck und der Gedanke, dass diese ältere Frau in der unbarmherzigen Kälte aus ihrem Haus flieht, hat mich zum Gebet bewegt. Man könnte also sagen, dass Twitter mich zum Gebet bewegt hat.

AM: Was ist Ihr Gebet für die Ukraine?

JM: Frieden, Frieden, Frieden. Und seien wir ehrlich: Wir beten, dass das Herz von Wladimir Putin bewegt wird, damit er sieht, welch unermessliches Leid er verursacht. Er ist angeblich Christ. Ich bete, dass er begreift, dass Jesus Christus den Frieden will.

Zum Originalartikel auf Englisch

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