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Fratelli tutti: Mission Geschwisterlichkeit

Wenn der dreifaltige Gott in sich Gemeinschaft, Bewegung, Dynamik zum Ausdruck bringt, wenn Gott immer wieder den Dialog sucht mit uns Menschen und unserer Welt, dann kann Mission keine Sonderaufgabe von Spezialistinnen und Spezialisten sein. Dann sind wir alle berufen, uns in unserem konkreten Umfeld missionarisch zu engagieren: Gedanken zum Weltmissions-Monat Oktober der katholischen Kirche.

Geschwisterlichkeit als Schlüssel zum Verständnis der kirchlichen Dimension von Mission eröffnet eine kreative Perspektive auf diesen oft sperrig wirkenden und historisch belasteten Begriff. Die neue Enzyklika Fratelli tutti von Papst Franziskus ergänzt im Untertitel die Geschwisterlichkeit mit dem Begriff der sozialen Freundschaft. Wer so auf andere Menschen zugeht, sucht mit ihnen die gleiche Augenhöhe und wünscht sich, gemeinsam mit anderen zu entdecken, wie ein gutes, menschenwürdiges Leben für alle möglich wird. 

Der Oktober, der Monat der Weltmission in der katholischen Kirche, bietet Gelegenheit, umrisshaft auf die Vorstellungen zu Mission der letzten Jahrzehnte zurückzublicken.

Über lange Zeit waren die so genannten Heiden im Blick. Ihnen sollte durch die Taufe der Zugang zum Reich Gottes eröffnet werden. Das Vatikanum II-Dokument Nosta Aetate von 1965 prägte einen Perspektivenwechsel: Auch in Religionen ausserhalb der Kirche gibt es Wahrheiten. Dies veränderte das Engagement der Missionarinnen und Missionare. Verstärkt kam ein Glauben in den Fokus, der sich für Gerechtigkeit einsetzt. Entwicklungshilfe und Bildung sollen Armen und Benachteiligten einen Weg in eine bessere Zukunft eröffnen. 

Diesen Sichtweisen ist gemeinsam, dass es immer ein Blick war auf exotisch andere in fernen Kontinenten, denen auch „etwas“ fehlte. Daraus abgeleitet wurde dann das Engagement für die Taufe und die Gerechtigkeit. 

Mission wurde über lange Zeit als kirchliche Randthema wahrgenommen. Da die Kirche auch zuhause herausgefordert ist, kommt Mission später auf der Prioritätenliste. Und in der Geschichte haben wir diese Dimension dafür ausgebildeten Missionarinnen und Missionaren und Missionsgesellschaften überlassen.
Diese landläufigen Vorstellungen erweist sich erstaunlich resistent. Neuere missionstheologische Konzepte ringen um die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Mit der Perspektive der Missio Dei, die trinitarisch verankert ist – die Wesenseinheit Gottes ist in Vater, Sohn und Heiliger Geist – wird hervorgehoben: Gott selbst und nicht etwa die Kirche ist Ursprung und Träger von Mission. Wenn der dreifaltige Gott in sich Gemeinschaft, Bewegung, Dynamik zum Ausdruck bringt, wenn Gott immer wieder den Dialog sucht mit uns Menschen und unserer Welt, dann kann Mission keine Sonderaufgabe von Spezialistinnen und Spezialisten sein. Dann sind wir alle berufen, uns in unserem konkreten Umfeld missionarisch zu engagieren. 

Um dieser allgemeinen Berufung auf die Spur zu kommen: Hilft uns da die zentralen Begriffe der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft von Fratelli tutti weiter? 
Papst Franziskus wird nicht müde, auf folgenden biblischen Referenzpunkt hinzuweisen: das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Dieser ist dem notleidenden Anderen zum Nächsten geworden. Historisch erinnert Franziskus, wie der Heilige Franziskus von Assisi während der Kreuzzugszeit Sultan Al-Kamil angesprochen hat.  

Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft sind zwei attraktive Orientierungspunkte, um über unsere Mission als Christinnen und Christen nachzudenken. Über unseren Beitrag in den vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Auch in Wirtschaft und Politik können Geschwisterlichkeit wie auch soziale Freundschaft neue Perspektiven eröffnen. 

Geschwisterlichkeit, in der Französischen Revolution als Fraternité formuliert, gehört neben Egalité und Liberté zu den drei zentralen Haltungen der neuzeitlichen europäischen, den Menschenrechten verpflichtete Geschichte. Die Geschwisterlichkeit ist offensichtlich ein Herzstück des sozialen Gefüges, das Gemeinschaften und Länder miteinander verbindet. 

Denken wir in dieser Linie weiter, wirken wir nach Kräften mit an der Missio Dei, um allen Menschen ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen – so wie es Gott sich vorstellt. 

Zum Bild (JWW): Schule für Tribal-Kinder der Gemeinschaft der Santals im Bergdorf Satia/indischer Bundesstaat Jharkhand

Autor:

Missionsprokurator der Jesuiten in der Schweiz. Jahrgang 1964. Nach kaufmännischer Lehre und Berufstätigkeit Erwachsenenmaturität 1989 in St. Gallen. Anschliessend Studium der Theologie in Fribourg und Innsbruck und Berufseinführung in die Pfarreiarbeit in der Diözese St. Gallen. 1996 Noviziat. 1998-2001 Studierendenseelsorge an den Zürcher Hochschulen. 2001-2004 Masterstudium in Entwicklungssoziologie Ateneo de Manila, Philippinen. Seit September 2004 Missionsprokurator und verantwortlich für das Hilfswerk Jesuiten weltweit in Zürich, verbunden mit vielfältiger Projekt-Reisetätigkeit in Afrika, Asien und Südamerika. Engagiert in Netzwerken der Gesellschaft Jesu wie Xavier Network. In der Ausbildung als Jesuit 2011/12 vier Monate Mitarbeit beim Jesuit Refugee Service in der Zentralafrikanischen Republik. Seit 2018 Mitglied der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz im Bereich Weltkirche und Mission. Mitleiter von Studienreisen.

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