Mitten im Brüsseler Europaviertel zwischen Europaparlament, Kommission und Rat befindet sich die Chapel for Europe. Das kleine Gotteshaus, das von den Jesuiten betreut wird, steht allen Menschen offen und ist ein Ort der ökumenischen Zusammenarbeit und des interreligiösen Dialogs.
Mit seinem Satz „Europa braucht eine Seele“ prägte der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors (1985–1995) den Beginn der Chapel for Europe vor 25 Jahren. „Diese Seele Europas ist geprägt vom Christentum, nicht nur historisch, sondern auch heute mit einer Lebendigkeit des Glaubens in sehr unterschiedlichen Ausprägungen“, sagt P. Bernd Günther SJ. Mit einem kleinen Team organisiert er das Angebot der Kapelle. „Inmitten Europas ist die Chapel for Europe ein Ort der Begegnung, des Gebets, des Nachdenkens und des Dialogs. Wir eröffnen einen Raum im Herzen Europas, in dem sich Menschen aus Politik und Verwaltung austauschen und ihren Geist, ihr Herz und ihre Seele entfalten können.“
Sonntagabends heißt der Gottesdienst auf Englisch Mass for young professionals. Junge Erwachsene mit den unterschiedlichsten Hintergründen kommen in die Kapelle: ein junger Franzose, der getauft werden will, eine Spanierin aus einem traditionellen katholischen Umfeld, eine Polin, die bei Caritas Europa arbeitet, ein holländischer Parlamentsmitarbeiter, der eigentlich einer Freikirche angehört, aber das Katholische liebt, ein Tscheche, der ein sechsmonatiges Praktikum in Brüssel macht, ein maltesischer Jazzmusiker … Wenn die Besucher nach der Messe bei einem Glas Wein zusammenstehen, kommt fast jeder aus einem anderen Land.
Pater Günther und sein Team fragen sich: „Wie können wir den Glauben in einem zunehmend religionsneutralen oder -ablehnenden Umfeld leben?“ Unter der Woche ist die Chapel for Europe mittags geöffnet. Das ist die beste Zeit für die Menschen aus den umliegenden Büros, die einen Moment der Ruhe in ihrem stressigen Alltag suchen. Es finden Werktagsmessen (auf Französisch), Anbetung und jede Woche ein ökumenisches Gebet statt. Darüber hinaus bietet die Chapel eine ganze Reihe spiritueller Angebote wie Exerzitien im Alltag, einen Alphakurs und Themenabende. In den meisten europäischen Institutionen gibt es kleine Gebetsgruppen, in denen sich Kolleginnen und Kollegen regelmäßig für ein kurzes Gebet zusammenfinden – in ihren Büros oder in der Chapel. Andere Abendveranstaltungen dienen dem Austausch über die „Seele Europas“, die aktuellen Herausforderungen, die Zusammenarbeit der Kirchen und Religionen.
„Auch wenn die Jesuiten und damit die katholische Kirche die Chapel organisieren, ist es ein Ort für alle Konfessionen“, sagt Pater Günther. Die finnischen Lutheraner feiern in der kleinen Kirche ihre Gottesdienste genauso wie die Mazedonier, wenn einmal einer ihrer orthodoxen Priester nach Brüssel kommt, oder die kleine litauische katholische Gemeinde. Eine Freikirche hält gelegentlich einen Bibeltag ab. Seit einigen Jahren wachsen auch die interreligiösen Kontakte, vor allem zu Juden und Muslimen.
Während die Arbeit vor Ort, die Seelsorge und die Präsenz im europäischen Milieu florieren, stellen die Finanzen weiterhin eine Herausforderung dar. Weder die europäischen Institutionen noch die lokale Kirche leisten finanzielle Unterstützung. Neben dem Zuschuss der Jesuiten ist die Chapel für zwei Drittel ihres Budgets für laufende Kosten und Gebäudeunterhalt auf Wohltäter angewiesen. „Diese sind tatsächlich sehr großzügig“, sagt Pater Günther. „Dennoch bleibt oft ein Defizit, das zunehmend Sorgen bereitet.“
Die Jesuiten sind nicht nur mit der Chapel in Europas Zentrum präsent. Es gibt zudem die Koordination des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes JRS, das Jesuit European Social Center, die Mitarbeit im Religionsunterricht der Europäischen Schulen und den Präsidenten der europäischen Provinziälekonferenz, der die Zusammenarbeit der Jesuitenprovinzen in Europa koordiniert. Bei den Jesuiten geht es dabei so international zu wie in ihrem internationalen Umfeld: In der Kommunität in Brüssel leben neun Jesuiten aus acht Ländern zusammen.
Dieser Beitrag ist im Magazin „Jesuiten“ 2026-1 erschienen. Neben einem Themenschwerpunkt wird in jeder Ausgabe eine Einrichtung der Jesuiten vorgestellt – dieses Mal die Chapel for Europe.
Im Magazin „tierisch unterwegs“ stehen darüber hinaus unsere tierischen Mitgeschöpfe im Mittelpunkt, denn: „Tiere sind von sich aus wertvoll – auch in ihnen drückt sich die ganze Kreativität des Schöpfers aus“, heißt es im Editorial.
Pater Bernd Günther SJ ist 1965 in Siegen geboren. Nach einem Theologie- und Philosophiestudium in Paderborn, Paris und Sankt Georgen trat er 1986 in den Jesuitenorden ein. 1993 wurde er zum Priester geweiht, war anschließend Flüchtlingsseelsorger in Berlin und gründete dort das deutsche Büro des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes JRS. Nach Stationen in Chile und Nürnberg wurde er Socius des Provinzials der Deutschen Provinz der Jesuiten in München. Von 2014 bis 2023 war er Kirchenrektor von St. Ignatius in Frankfurt und wechselte anschließend zur „Chapel for Europe“ nach Brüssel. Pater Günther koordinierte zudem bis 2024 als Delegat für Pastoral die Vernetzungsarbeit der Jesuitenpfarreien, Hochschulgemeinden und verschiedenen seelsorglichen Einrichtungen.
Für Ignatius von Loyola ist die Gesellschaft Jesu wie die Kirche insgesamt darauf ausgerichtet, „den Seelen zu helfen“. Seit der Ordensgründung engagieren sich Jesuiten daher vor allem in der Pastoral und in der Bildungsarbeit. Zum Einsatz in der weltweiten Kirche stellte sich der Orden dem Papst zur Verfügung. Freiheit und Gehorsam gehören zum Wesenszug des Ordens. "Jesuitische Kirchlichkeit" ist geprägt von der Gebundenheit an die konkrete Glaubensgemeinschaft, in der ich Jesus Christus heute begegne, aber auch von einer großen Freiheit, in welcher Form sich diese Bindung ausdrückt. Denn nach den Regeln zum "Fühlen mit der Kirche" ("Sentire cum ecclesia") am Ende des Exerzitienbuches lebt und wirkt der Geist Jesu zu allen Zeiten in der 'realexistierenden' Kirche mit ihren sündigen und heiligen Dimensionen. An erster Stelle steht die Dankbarkeit, und vor jeder Kritik sollte zunächst das Gute gelobt werden. Kritik in der Kirche muss mehr in konkrete Taten der Reform und Verbesserung gelegt werden als nur in Worte, und immer sollte die eigene persönliche Umkehr am Beginn stehen.
„Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört“. So heißt es in dem Dekret „Unsere Sendung heute“ der 32. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu von 1975. Denn Gerechtigkeit „zielt auf die Versöhnung der Menschen untereinander, die ihrerseits von der Versöhnung der Menschen mit Gott gefordert ist.“
Die 32. Generalkongregation begründet, warum sich Jesuiten für Gerechtigkeit einsetzen: „Während viele entschlossen eine Welt ohne Gott aufbauen wollen, müssen wir zeigen, dass die christliche Hoffnung nicht Opium ist, sondern zu einem entschiedenen und realistischen Einsatz für eine andere Welt treibt.“ Diese Welt sei „Zeichen und Anfang der anderen Welt, ‚einer neuen Erde und eines neuen Himmels‘ (Offb 21,1).“ Deswegen ist für Jesuiten der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit in allem, was sie tun, ein Kern ihrer Sendung – entsprechend ihrem Leitspruch: „Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes.“
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