Ein Leben, das neu beginnt

Sechs Jahre lang lebte Yohannes ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland – ohne Planungssicherheit, ohne Normalität. Als der Bescheid endlich kam, konnte er dem Brief zunächst nicht glauben. Im Interview erzählt er, was ihn in dieser Zeit getragen hat, welche Rolle der Jesuiten-Flüchtlingsdienst dabei spielte und wie die Geburt seiner Tochter Eva seinen Blick auf die Zukunft verändert hat.

Sechs Jahre in Ungewissheit zu leben, ist eine enorme psychische Belastung. Was hat dir in dieser langen Zeit die Kraft gegeben, die Hoffnung nicht aufzugeben, bevor der erlösende Bescheid kam?

Mein Glaube hat mir sehr geholfen. Gott ist immer auf meiner Seite gewesen. Das ist mein erster Gedanke gewesen. Auch andere Menschen haben mich getragen. Eine Frau namens Bettina hat mir ein Zimmer gegeben. Ich habe sie durch den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) kennengelernt, und sie hat mir sehr geholfen. Vom Team des JRS habe ich von Anfang an eine professionelle rechtliche Beratung bekommen, bis ich schließlich meine Aufenthaltsgenehmigung erhalten habe. Ich habe finanzielle Hilfe erhalten und viel Motivation durch Pater Claus Pfuff und die Zusammenarbeit mit dem gesamten Team erfahren. Dadurch habe ich weitere Menschen getroffen, die mich unterstützt haben, dranzubleiben.

Erinnerst du dich an den genauen Moment, als du erfahren hast, dass du endlich bleiben darfst? Was war der allererste Gedanke, der dir durch den Kopf schoss?

Ich habe zuerst die Einladung bekommen. Ich habe den Brief gelesen, dass ich einen Termin habe, um über meinen Aufenthalt zu sprechen. Es hat daringestanden, dass mein Antrag angenommen wurde. In diesem Moment habe ich an nichts anderes gedacht, nicht an die Arbeit oder die Zukunft. Mein allererster Gedanke ist nur gewesen: „Stimmt das wirklich?“ Ich habe den Satz immer wieder gelesen, weil ich es am Anfang nicht geglaubt habe. Nach sechs Jahren hat sich diese gute Nachricht zuerst wie ein Irrtum angefühlt. Ich bin einfach sehr glücklich gewesen.

Kurz nach der Erlaubnis ist meine Tochter Eva zur Welt gekommen. Als ich sie das erste Mal im Arm gehalten habe, hat sich mein Blick auf Deutschland und meine Zukunft komplett verändert.

Vorher habe ich nur für mich selbst und mein Überleben gekämpft. Durch Eva ist Deutschland für mich nicht mehr nur ein Ort zum Warten gewesen, sondern ein Zuhause für meine Familie geworden. Ich habe begriffen, dass ich jetzt eine Verantwortung habe, ihr eine stabile Sicherheit zu bieten. Mein Ziel ist es nun gewesen, ihr alle Möglichkeiten zu eröffnen, die ich selbst jahrelang nicht gehabt habe. Sie ist der Grund gewesen, warum ich heute mit noch mehr Zuversicht nach vorne schaue.

Du lebst aktuell getrennt von Yasmin und Eva. Wie sieht euer Alltag aus? Wie versucht ihr, trotz der räumlichen Distanz als Familie zusammenzuwachsen?

Aktuell lebe ich getrennt von Yasmin und Eva. Das ist im Alltag nicht immer einfach aber wir haben einen Weg gefunden, um trotzdem als Familie zusammenzuwachsen. Wir verbringen jeden Tag viel Zeit per Videoanruf So erlebe ich Evas kleine Fortschritte mitt und wir sprechen über alles, was uns beschäftigt. Wenn es möglich ist, fahre ich zu ihnen, um die Zeit intensiv gemeinsam zu nutzen. Diese räumliche Distanz zeigt uns, wie wichtig Vertrauen und gute Absprachen sind. Wir unterstützen uns gegenseitig und haben immer das gemeinsame Ziel vor Augen: bald dauerhaft an einem Ort zusammen zu sein.

Du suchst händeringend nach einer gemeinsamen Wohnung. Was war bisher dein frustrierendes oder vielleicht auch überraschendstes Erlebnis bei einer Wohnungsbesichtigung in Berlin?

Ich suche händeringend nach einer gemeinsamen Wohnung. Mein frustrierendstes Erlebnis ist eine Besichtigung in Berlin gewesen, bei der ich mit über 50 anderen Bewerbern gleichzeitig im Treppenhaus gestanden habe. Man hat sich in dieser Menge fast unsichtbar gefühlt. Ich hatte alle Unterlagen perfekt vorbereitet, aber oft habe ich nicht einmal eine Antwort bekommen. Es ist eine große Geduldsprobe gewesen, die mich viel Kraft gekostet hat. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf.

Du machst eine Ausbildung beim JRS. Was bedeutet diese Arbeit für dich persönlich – ist es "nur" ein Job oder siehst du darin auch eine Möglichkeit, etwas von der Hilfe zurückzugeben, die du erfahren hast?

Ich habe meine Ausbildung beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) vor zwei Jahren begonnen. Für mich ist diese Arbeit nie „nur“ ein Job. Da ich selbst so viel Unterstützung durch den JRS erfahren habe, habe ich mich von Anfang an sehr mit dieser Aufgabe identifiziert. Ich habe die Möglichkeit gesehen, etwas von der Hilfe zurückzugeben, die ich früher selbst bekommen habe. Es bedeutet mir viel, jetzt auf der anderen Seite zu stehen und Menschen zu begleiten, die in einer ähnlichen Situation sind, wie ich es gewesen bin. Diese Arbeit ist für mich ein Weg, meine Dankbarkeit in Taten umzusetzen.

Wenn du dir euren ersten gemeinsamen Morgen in der eigenen Wohnung vorstellst – wie würde dieser perfekte Start in den Tag aussehen?

Ich stelle mir diesen ersten gemeinsamen Morgen oft vor. Wir frühstücken in unserer eigenen Küche und ich höre Evas Lachen. Es ist kein besonderes Frühstück, nur das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Dieser Moment bedeutet für mich die wahre Freiheit: die Tür zuzumachen und einfach eine ganz normale Familie zu sein.

Du wohnst derzeit bei einer Ehrenamtlichen in einer WG. Wie wichtig sind solche Menschen für dich, die mehr tun als das Nötigste, und was hast du durch dieses Zusammenleben über die deutsche Gesellschaft gelernt?

Solche Menschen sind für mich sehr wichtig, weil sie mehr als nur das Nötigste getan haben. Durch dieses Zusammenleben habe ich viel über die deutsche Gesellschaft gelernt. Ich habe erfahren, dass es hier eine große Offenheit und Hilfsbereitschaft gibt. Es ist nicht nur um ein Zimmer gegangen, sondern um echtes Vertrauen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Integration durch persönliche Kontakte und das Miteinander am besten funktioniert hat.

Abgesehen von der Wohnung – was wünschst du dir am meisten für Evas Zukunft hier in Deutschland?
Ich wünsche mir, dass sie wählen kann. Welche Schule. Welchen Beruf. Wo sie lebt. Ich habe das lange nicht gekonnt. Andere haben entschieden, wo ich wohne, ob ich arbeiten darf. Ich habe gewartet und nicht gewusst, wie lange noch. Eva ist jetzt noch kein halbes Jahr alt. Sie weiß das alles nicht. Und ich hoffe, sie muss es nie wissen. Dieses Warten. Dieses Stillhalten, während das eigene Leben von anderen entschieden wird. Sie soll einfach wählen dürfen. Das ist alles, was ich mir wünsche.

Viele Menschen spenden für den JRS, um Geschichten wie deine möglich zu machen. Was würdest du diesen Menschen gerne sagen, wenn sie jetzt vor dir stünden?

Ich würde ihnen sagen: Ihr habt mich nicht gekannt. Ihr hattet keine Person vor euren Augen, als ihr gespendet habt. Und doch habt ihr es für mich getan. 
Ich wäre wahrscheinlich erst mal still. Weil ich nicht wüsste, wo ich anfangen soll. Dann würde ich ihnen Eva zeigen. Einfach so. Kein langer Satz, keine Erklärung. Nur: Schaut sie euch an. Sie wächst hier auf. Das habt ihr möglich gemacht.

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