Pater Nguyen, bei Jesuit Volunteers sind Sie für die Rückkehrer zuständig. Mit welchen Erfahrungen und Hoffnungen kommen die Freiwilligen aus ihrem Auslandsjahr zurück?
Ein junger Freiwilliger, der in einem Flüchtlingsprojekt in Bosnien arbeitete, erzählte von seinem Einsatz, dass sie dort in ihrer Machtlosigkeit nicht viel bewirken konnten. Was er dort aber erfuhr, war das Geschenk tiefer Menschlichkeit. Das Jahr im Ausland ist also auch eine Art Bildungsprogramm. Es geht nicht nur um interkulturelles Wissen, sondern auch um Persönlichkeitsbildung, um die Bildung des Herzens. Die Volunteers nehmen aus dieser Zeit die Erfahrung von Großzügigkeit mit, denn sie können nicht selber bestimmen, wohin sie gehen, sondern werden gesandt.
Das müssen Sie bitte erklären: Die Freiwilligen werden gesandt?
Es ist interessant: Bei Jesuit Volunteers bewirbt man sich nicht auf eine Einsatzstelle, sondern für das Programm. Die Freiwilligen lernen bei einem Orientierungsseminar die Einsatzstellen kennen und dürfen Wünsche äußern. Das Team von Jesuit Volunteers wählt dann gemeinsam mit den Projektpartnern unter Berücksichtigung dieser Wünsche die passende Einsatzstelle aus. Es geht nicht um den Selbstverwirklichungsdruck, den junge Menschen hierzulande oft haben, sondern einfach um die Menschen vor Ort, denen sie auf Augenhöhe begegnen. Die Freiwilligen nehmen deswegen aus diesem Jahr auch die Erfahrung von Glück mit. Ein großes Glück ist Zeit. Die Freiwilligen schenken den Menschen vor Ort ein Jahr lang ihrer Zeit. Zeit ist das Wertvollste, das jeder Mensch hat.
Sicherlich ist diese Zeit nicht immer einfach.
Die Freiwilligen werden mit ihrem Auslandsjahr auch realistisch. Sie nehmen aus dieser Zeit eine realistische Sicht auf die Welt mit und durchschauen die Strukturen der Ungerechtigkeit und ihre eigenen Privilegien. Das macht sie kritischer. Die Erfahrungen, die sie vor Ort machen, befähigen sie, wirklich zu kritisieren – nicht nur die Kritik des Mainstreams zu übernehmen.
Wie gehen die Freiwilligen damit um, wenn es in ihrem Auslandsjahr Probleme gibt?
Manchmal gibt es Zweifel und Herausforderungen. Die Volunteers werden in solchen Situationen natürlich nicht alleine gelassen. Sowohl eine Referentin in Deutschland als auch ein Mentor vor Ort begleiten die Freiwilligen während des gesamten Jahres. Wir ermutigen sie dazu, diese Zeit durchzustehen, denn wenn sie das „geschafft“ haben, kommen sie gestärkt daraus hervor. Besonders für jüngere Bewerber ist es eine wichtige Erfahrung, sich von Herausforderungen nicht abzuwenden, sondern dranzubleiben. Das ist oft leichter gesagt als getan, doch wenn sie diese positive Erfahrung machen können, werden sie später auch andere Formen von Herausforderungen gut meistern können.
Welche weiteren Gründe gibt es, warum sich junge Leute für ein Jahr als Jesuit Volunteer entscheiden?
Eine der Motivationen ist Neugier auf andere Kulturen und Lebensweisen. Wir leben in einer Zeit der Globalisierung, aber erfahren wenig von anderen Menschen, ihren Lebensweisen und Alltagskulturen. Für viele unserer Freiwilligen ist das Interesse daran entscheidend. Manche wollen sogar neue Sprachen lernen.
Eine andere Motivation ist, dass junge Menschen nach der Schule oft noch nicht wissen, was sie tun möchten. Für sie ist ein Jahr als Jesuit Volunteer ein Zeitgewinn. Sie können überlegen: Was will ich eigentlich? Manche werden durch die Erfahrungen, die sie in diesem Jahr machen, in ihrer Berufsfindung gestärkt.
Bei Jesuit Volunteers gehen aber nicht nur Schulabgänger ins Ausland, denn bei Ihnen gibt es keine Altersgrenze nach oben. Aus welcher Hoffnung heraus unterbrechen Menschen in der Mitte ihres Lebens ihren Alltag und wirken ein Jahr lang als Freiwillige?
Wir haben jedes Jahr Freiwillige, die entweder mitten im Berufsleben oder kurz vor dessen Ende stehen. Oft wollten die Bewerberinnen und Bewerber schon früher ein Freiwilligenjahr im Ausland machen, aber dann kam Beruf, Familie oder etwas Persönliches dazwischen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dieser Kandidatengruppe gemacht, weil sie Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen. Diese Erfahrung nutzen wir gerne für die Projekte und Menschen, zu denen sie gesandt werden.
Wann hat sich ein Jahr als Jesuit Volunteer gelohnt?
Dieses Jahr prägt nicht alle gleich. Für manche steht der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit als Maxime ganz oben, für andere sind es die Begegnungen auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort, das Leben in Gemeinschaft und der einfache Lebensstil.
Sind das auch die Hoffnungen, mit denen die Volunteers ins Auslandsjahr starten?
Manche haben hohe Ideale, zum Beispiel die Welt aktiv zu verändern, der Einsatz für Gerechtigkeit. Andere haben, wie ich sage, eine Art „exotische Romantik“: Fernweh, Neugier und Begeisterung für andere Kulturen. Das ist gar nicht schlecht. Wenn sich die Kandidaten bei uns bewerben, versuchen wir, Wunsch und Wirklichkeit zusammenzubringen. Das ist eine spannende Aufgabe.
Pater Nguyen, Sie haben viel mit jungen Menschen zu tun. Der Ruf der Jugend von heute ist durchwachsen. Was gibt Ihnen Hoffnung, dass diese Generation die Zukunft gut gestalten wird?
Es ist interessant: Diese Beobachtung ist gar nicht neu. Sokrates hat sich schon vor über 2.000 Jahren über die Jugend beschwert. Wenn man der Jugend von heute nichts zutraut, kann man gleich die Koffer packen und mit solchen Programmen wie den Jesuit Volunteers aufhören. Aber ich glaube, wir dürfen Mut haben. Es gibt mir Hoffnung, dass junge Leute heute ihre Erfahrungen machen können, zum Beispiel im Freiwilligenjahr. Manche dieser Erfahrungen sind vielleicht schlecht. Was wir für die jungen Leute tun können, ist ihnen eine Reflexionsmöglichkeit dafür anzubieten. Das entspricht auch unserer Spiritualität als Jesuiten. Das Gute schlummert ja in ihren Herzen.