• Christian Rutishauser SJ erhält die Buber-Rosenzweig-Medaille im Gürzenich in Köln
  • Moderiert wurde die Preisverleihung von Gundula Gause
  • Christian Rutishauser SJ (2.v.r.) mit dem Präsidium des DKR (v.l.): Pfarrer i.R. Friedhelm Pieper, Dr. Margaretha Hackermeier und Dr. Andreas Nachama
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Dialog als Auftrag: Das gemeinsame Erbe von Juden und Christen

P. Christian Rutishauser SJ hat den jüdisch-christlichen Dialog zu seinem Lebensthema gemacht – theologisch, kirchenpolitisch, persönlich. Seit mehr als 30 Jahren ist er regelmäßig zu Gast im Heiligen Land. Einmal ist er sogar zu Fuß hingepilgert: Sieben Monate dauerte es, bis er von der Schweiz in Jerusalem ankam. Für sein außergewöhnliches Engagement erhielt er am 8. März die Buber-Rosenzweig-Medaille. Im Interview erklärt Pater Rutishauser, warum ein gelingender jüdisch-christlicher Dialog so lange auf sich warten ließ, was heute die größten Herausforderungen dabei sind und weshalb ihm dieser Dialog zu einem Herzensanliegen geworden ist.
 

Pater Rutishauser, Jesus war Jude, die fünf Bücher Mose sind für Juden und Christen gleichermaßen Heilige Schriften, im Alten und Neuen Testament handelt derselbe Gott. Was ist das Problem, dass es zwischen diesen beiden Religionen so lange Konfrontation gab – und oft immer noch gibt?

Dass wir die Fünf Bücher Mose gemeinsam haben, stimmt, aber sie haben einen völlig anderen Stellenwert. Für Christen stehen die Evangelien im Zentrum, das Alte Testament läuft auf das Evangelium zu. Die eigentliche Offenbarung ist in Christus. Im Judentum ist die eigentliche Offenbarung in den Fünf Büchern Mose, das Neue Testament kennen Juden nicht. Wir lesen also die Hebräische Bibel sehr unterschiedlich.

Aber wir glauben an denselben Gott, den Gott Jesu Christi, oder?

Nur Christen sehen es so, dass wir den gleichen Gott haben. Juden sagen: Der trinitarische Gott ist nicht unser Gott. Allein diese zwei unterschiedlichen Antworten bringen Konflikte mit sich, denn beide, Juden und Christen, sagen für sich: Wir sind die Erwählten – und dies bis ins 20. Jahrhundert hinein exklusiv.

„Die Erwählten“ – was bedeutet das?

„Erwählung“ ist heute ein oft falsch verstandenes Wort und oft auch ein Reizwort. Es heißt nichts anderes als „Berufung“. Das verstehen Christen besser: die Berufung, eine bestimmte Aufgabe von Gott zu übernehmen. Schon in der Heiligen Schrift ist klar: Erwählung hat nichts damit zu tun, dass man besser, größer oder stärker ist, sondern es ist der Ruf Gottes zu einem gewissen Dienst.

Das hat Konfliktpotential. Hat es deswegen so lange gedauert, bis Christentum und Judentum in den Dialog getreten sind?

Dass es so lange gedauert hat, ist die Schuld der Christen, weil sie besonders seit der Spätantike in ihrer politischen Macht das Judentum abgewertet haben. Die Kirche hat die Theologie vertreten, dass das jüdische Volk verworfen sei, weil Juden Christus nicht anerkennen würden. Sogar der mythische Ausdruck „Gottesmord“ wurde den Juden angehängt, obwohl man Gott natürlich nicht ermorden kann. Deswegen sei die Kirche in der Heilsgeschichte an die Stelle Israels getreten. Diese Lehre hat die Kirche bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert aufrechterhalten und sich leider nicht bekehren lassen. Trotz vieler kleinerer Vorstöße hat sie erst nach der Schoa gemerkt, dass sie umdenken muss.

Wodurch ist die Kirche ins Umdenken gekommen?

Der Konzilstext „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanums ist das Herzstück, das eine neue Theologie eröffnet hat. Sie ist inzwischen Lehre geworden und muss auf allen Ebenen umgesetzt werden – und da sind wir immer noch dabei.

Was sind die großen Linien dieser neuen Theologie?

Der Hauptaspekt ist die Lehre des ungekündigten Bundes: Gott wirkt weiterhin im Judentum. Die Kirche ist in ihrer Erwählung nicht an die Stelle des jüdischen Volkes getreten, sondern die jüdische Berufung bleibt bestehen.

Und damit sind die Wogen geglättet?

Auch diese Theologie bringt große Fragestellungen mit sich: Was bedeutet es, wenn nicht nur die Kirche das Volk Gottes ist, sondern auch das jüdische Volk? Was heißt das für den Absolutheitsanspruch des christlichen Glaubens? Die Fragen ragen aber zum Beispiel auch in die Schriftauslegung hinein. Laut der Kirche sollen Juden und Christen die Heilige Schrift miteinander lesen, weil durch diese Texte nicht nur die Kirche, sondern auch das jüdische Volk geführt wird. Das wirft neue Fragen auf: Wie müssen die rabbinischen Schriften beurteilt werden? Was können wir von ihnen lernen? Und wie gehen alter Bund und neuer Bund zusammen?

Warum kann es für Christen bereichernd sein, die biblischen Texte aus jüdischer Perspektive zu betrachten?

Die neutestamentlichen Schriften zeugen von einer jüdisch-messianischen Bewegung, noch nicht von einem Christentum. Maria war eine jüdische Mutter, Jesus war Jude und die Apostel ebenso. Die Auseinandersetzungen in den neutestamentlichen Schriften und Evangelien sind Auseinandersetzungen unter Juden und verschiedenen jüdischen Strömungen. Wenn diese Schriften im späten 2. Jahrhundert zum Neuen Testament zusammengestellt werden und die christliche Bibel entsteht, wird ein wichtiger Schritt zum Christentum hin gemacht. In diesen Texten begegnen Christen auf der ganzen Welt also regelmäßig dem Judentum. Für viele Gläubige wird dadurch das Bild des Judentums gemacht, weil sie im Alltag überhaupt keine Berührungspunkte mit dem Judentum von heute haben.

Warum ist das ein Problem?

Das heutige Judentum ist ein völlig anderes als das, das wir aus der Bibel kennen. Heute gibt es vor allem in Afrika und Asien viele Christen, die überhaupt keine Beziehung mit jüdischen Gemeinden haben, weil es in ihren Kontinenten kein Judentum gibt. Es gilt, auch für diese Länder die Errungenschaften des jüdisch-christlichen Dialogs aufzuzeigen, denn es geht dabei um mehr als die Aufarbeitung von Geschichte: Jeden Sonntag begegnen die Gläubigen in den liturgischen Texten Pharisäern, Schriftgelehrten und Juden. Deswegen muss man an einem positiven Verständnis des biblischen Judentums arbeiten.

Was treibt Sie an, sich seit vielen Jahren für den jüdisch-christlichen Dialog zu engagieren?

Es gibt verschiedene Motivationen. Eine ist die Frage, wie man angesichts der europäischen Geschichte Antisemitismus und Judenhass und damit verbunden auch Fremdenfeindlichkeit und Rassismus überwinden kann. Der 7. Oktober mit dem Massaker der Hamas und der Gaza-Krieg haben wieder zu großem Antisemitismus in der westlichen Gesellschaft geführt. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, den Antisemitismus gerade angesichts der neuen Weltlage und dieser politischen Auseinandersetzungen anzugehen. Mir geht es bei meinem Einsatz für den jüdisch-christlichen Dialog um einen Beitrag zur Überwindung von Gewalt.

Ein zweiter Punkt ist, den christlichen Glauben zu erneuern, um die Dinge besser zu verstehen. Wie kann sich das Christentum positiv formulieren und Identität herausbilden, ohne das auf Kosten des Judentums zu tun – anders als es durch viele Jahrhunderte hindurch geschehen ist?

Meine dritte Motivation ist, das Judentum als große geistesgeschichtliche und religiöse Kultur mit eigenem Wert bekannt zu machen. Aus christlicher Perspektive darf das Judentum kein „Nice to have“ sein, denn wenn Gott das jüdische Volk im Bund erwählt hat, sind wir verpflichtet, das ernst zu nehmen.

Sie wurden nun für Ihr Engagement für den jüdisch-christlichen Dialog mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Ich war sehr überrascht, als ich erfahren habe, dass ich die Medaille erhalten werde. Ich freue mich darüber, weil es eine Anerkennung für meine Arbeit ist, die ich seit meinem Doktoratsstudium, also seit 25 Jahren, intensiv auf verschiedenen Ebenen betreibe. In der theologischen Lehre habe ich einige Impulse gegeben und auch kirchenpolitisch konnte ich wirken, denn ich darf beim Heiligen Stuhl, der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum und der Deutschen und Schweizer Bischofskonferenz mitarbeiten. So habe ich den jüdisch-christlichen Dialog zu meinem Lebensthema gemacht. Deswegen freut es mich persönlich, dass nach dieser Zeit jetzt eine solche Anerkennung kommt. Es freut mich aber auch für die katholische Kirche, denn gerade im jüdisch-christlichen Dialog hat sie wahre Pionierarbeit geleistet.

Was muss passieren, damit der jüdisch-christliche Dialog den nächsten großen Schritt vorankommt?

Das Wichtigste ist, dass die jüdisch-christliche Beziehung nicht eine Randerscheinung des Kirchlichen und Christlichen bleibt, sondern als Querschnittsthema für alle Bereiche des christlichen Lebens und der theologischen Disziplinen erkannt wird. Die Beziehung zum Judentum betrifft alles, weil Jesus Jude war und die Offenbarung aus dem Judentum heraus stammt.
 

Zur Person:

Pater Christian Rutishauser SJ wurde 1965 geboren und wuchs in St. Gallen auf. Er studierte Theologie in Fribourg und Lyon. Es folgten ein Jahr Pfarreiarbeit und anschliessend das Noviziat der Jesuiten in Innsbruck. 1994-1998 arbeitete er als Studentenseelsorger an der Universität Bern und Leiter des Akademikerhauses in Bern. Das Doktoratsstudium absolvierte Pater Rutishauser im Bereich Judaistik in Jerusalem, New York und Luzern. Dissertation zu Rav Josef Dov Soloveitchik (1903-1990) mit dem Titel «Halachische Existenz» im Mai 2002. Seither hatte Pater Rutishauser verschiedene Lehraufträge im Bereich jüdischer Studien, so an der Hochschule für Philosophie S.J. in München, am Kardinal-Bea-Institut an der Universität Gregoriana in Rom und am Theologischen Studienjahr an der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Bis 2021 war Pater Rutishauser Provinzial der Jesuiten in der Schweiz und anschliessend Delegat für für Hochschulen in der neu gegründeten Zentraleuropäischen Provinz. Im Sommer 2024 übernahm er die Professur für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern. Seit 2004 ist er zudem Mitglied der Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission der Schweizerischen und seit 2012 auch der Deutschen Bischofskonferenz. Delegationsmitglied der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum ist er seit 2004; seit 2014 in derselben Funktion ständiger Berater des Heiligen Stuhls.

Bild 1: DKR/Patricia Grähling
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