Der Welttag der Migranten und Flüchtlinge am 27. September macht auf die Realität von Millionen Menschen weltweit aufmerksam, die ihre Heimat verlassen mussten. Wie eine Antwort auf ihre Situation aussehen kann, zeigt die Pedro-Arrupe-Schule am Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin. Dort finden jungen Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen nicht nur Bildung, sondern eine langfristige Perspektive.
Es geht nicht nur darum, zu helfen, sondern durch Bildung neue Chancen zu eröffnen: Aus diesem Anliegen heraus gibt es am Canisius-Kolleg in Berlin eine zusätzliche Schule für Kinder und Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrungen. Die nach dem ehemaligen Jesuitengeneral Pedro Arrupe (1907–1991) benannte „Pedro-Arrupe-Schule“ ist eine integrierte Sekundarschule unter dem Dach des Canisius-Kollegs und Ausdruck des jesuitischen Bildungsverständnisses.
Wie aktuell dieser Auftrag bleibt, zeigen die Auswirkungen der großen Weltpolitik auf den Schulalltag, beispielsweise der Krieg in der Ukraine oder der Nahost-Konflikt. „Diese Weltereignisse berühren uns im Canisius-Kolleg immer aktuell und persönlich. Schülerinnen und Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen haben familiäre und persönliche Kontakte in diesen Regionen der Erde, und ihre Betroffenheit lässt unsere Schulgemeinschaft nicht unberührt“, sagt P. Marco Mohr SJ, Rektor des Canisius-Kollegs. Deswegen lebt die Schule den Dialog von Kulturen, Religionen und Weltanschauungen ganz konkret in ihrem Schulalltag.
Von Willkommensklassen zur eigenen Schule
Die Vorgeschichte der Pedro-Arrupe-Schule reicht noch weiter zurück: Im Jahr 2015 entschied die Bundesregierung, die Grenzen für diejenigen zu öffnen, die besonderen Schutz benötigten. Das betraf vor allem Geflüchtete aus dem Nahen Osten. Das Canisius-Kolleg wollte seinen Beitrag in dieser schwierigen Situation leisten und öffnete ebenfalls seine Türen für die Notleidenden und Ausgegrenzten. Erste Schulklassen für Geflüchtete sollten ihnen das Ankommen in Deutschland ermöglichen. In sogenannten Willkommensklassen sollten sie die deutsche Sprache erlernen und auf sensible Weise mit der komplett anderen Kultur und den Religionen ihres neuen Landes vertraut gemacht werden.
„Nur sehr wenige konnten nach zwei Jahren in die Regelklassen des Gymnasiums aufgenommen werden, da der Leistungsstand dies nicht hergab“, blickt Pater Mohr zurück. „Die, die nicht bleiben konnten, mussten uns wieder verlassen. Das hatte neue, oft wiederholt schmerzliche Trennungserfahrungen zur Folge.“ Um den Kindern und Jugendlichen eine verlässliche Perspektive am Canisius-Kolleg zu ermöglichen, gelang es nach sorgfältiger Vorbereitung, im August 2019 mit der Integrierten Sekundarschule in der Sekundarstufe I den „Betrieb“ aufzunehmen.
Beim Jubiläumsgottesdienst anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Canisius-Kollegs wurde auch die neuere Geschichte des Kollegs gewürdigt: die Pedro-Arrupe-Schule
Junge Menschen ganzheitlich begleiten
„Dabei geht es um mehr als das ‚bloße‘ Vermitteln von Bildungsinhalten und Kulturtechniken“, sagt Safyah Hassan, Lehrerin für Mathematik, Wirtschaft-Arbeit-Technik und Klassenlehrerin an der ISS-Pedro-Arrupe. „Die ganzheitliche Bildung passiert hier – sicher auch geprägt durch die unterschiedlichen Hintergründe und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen – auf eine Art, die uns Lehrkräfte nicht nur fachlich, sondern auch als Menschen besonders fordert. Das macht den Charakter dieser Schule aus und ist zugleich ihre besondere Anforderung.“
Die Frage des Dialogs der Kulturen und Religionen sowie die Frage echter menschlicher Begegnung in einer „kultursensiblen“ Haltung bleiben weiterhin Auftrag und Herausforderung – gerade in diesen Tagen und gerade in Berlin, einer Stadt, die von kultureller und religiöser Vielfalt geprägt ist.
Heute besuchen das Gymnasium des Canisius-Kollegs über 800 Schülerinnen und Schüler, an der ISS-Pedro-Arrupe lernen derzeit rund 120 Schülerinnen und Schüler. In der gymnasialen Oberstufe werden alle Kurse gemeinsam belegt. Insgesamt kommen die Kinder und Jugendlichen aus 60 Nationen mit 41 Muttersprachen. „Das Canisius-Kolleg möchte mit der Neuausrichtung seit 2015 verstärkt einen Beitrag dazu leisten, dass sozial ausgegrenzte und benachteiligte junge Menschen vollumfänglich Teil der Schulgemeinschaft und Gesellschaft sein können“, sagt Pater Mohr.
Wer war Pedro Arrupe SJ?
P. Pedro Arrupe SJ (1907–1991), geboren im Baskenland, ging als Missionar nach Japan und überlebte den Atombombenabwurf in Hiroshima. Kurz vor Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde er zum Generaloberen des weltweiten Jesuitenordens gewählt. Er steuerte den Orden mit seinem Charisma und großer persönlicher Frömmigkeit durch die Umbruchsjahre der Ausrichtung der Kirche auf die Gegenwart. Wegweisend dafür war die Sendung des Jesuitenordens mit der Kurzformel „für Glaube und Gerechtigkeit“. So gründete Pater Arrupe 1980 den weltweit organisierten Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS.
Pater Marco Mohr SJ trat 1993 in den Jesuitenorden ein. Nach der ordensüblichen Ausbildung verantwortete er von 2003-2012 die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit am Canisius-Kolleg in Berlin. Nach einem weiteren ordensüblichen Ausbildungsabschnitt 2012/2013, war er bis 2019 für die Seelsorge am Aloisiuskolleg, Bonn-Bad Godesberg, zuständig und dort Lehrer für Religion. Seit Juni 2019 ist er Rektor des Canisius-Kollegs, Berlin.
Wissenswertes
Mit jungen Menschen
Menschen für andere werden
Menschsein heißt Reifen und Wachsen. Dabei möchten wir Jesuiten junge Menschen begleiten, damit sie ihre Gaben und Talente entfalten und Verantwortung für sich und andere in der Welt übernehmen können. Denn junge Menschen haben gerade heute viele Möglichkeiten, stehen aber zugleich vor enormen Herausforderungen und müssen dabei Entscheidungen für ihr Leben treffen. Wir Jesuiten unterstützen junge Menschen bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft. Dies ist einer von vier Schwerpunkten, mit denen wir Jesuiten uns weltweit für Gott und die Menschen einsetzen. Mehr erfahren
Bildung
Leben mit und Leben für andere ist nicht nur der zentrale Aspekt menschlicher Existenz, sondern öffnet zugleich einen Zugang zu Gott. Ziel jesuitischer Erziehung ist es, junge Menschen dahin zu führen, nicht im individuellen Erfolg allein ihre Erfüllung zu entdecken. Leben kann nur glücken, wenn andere Menschen Teil meines Lebens sind und werden. Dieser Zugang ist uns in besonderer Weise durch die Menschwerdung Gottes, durch das Leben und Wirken Jesu Christi eröffnet. Der Blick auf Jesus Christus will aber nicht von der Wirklichkeit ablenken, sondern vielmehr bereit machen, sich und die Umwelt aus dem Blickwinkel des Evangeliums zu betrachten, zu verstehen und zu verändern. Dazu sind Qualifikationen erforderlich, die helfen, die Welt zu verstehen und den eigenen Weg darin zu finden. Ebenso wichtig sind das Einüben im Alltag und soziales Engagement.