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An der Seite der Geflüchteten

Vilèm Plaček, 20 Jahre, ist in Tschechien geboren und seit 2 Jahren im Noviziat der Jesuiten in Birmingham, Großbritannien. Im Oktober und November 2025 verbrachte er einen Teil seiner Ausbildung beim JRS in Berlin. Seine Erfahrungen teilte er im Interview mit Martina Schneider.

Welche Beweggründe hattest du, dich für das Noviziat und gleichzeitig für die Arbeit beim JRS zu entscheiden?

Schon ganz am Anfang unseres Ordens im 16. Jahrhundert war es ein Zeichen der Jesuiten, dass sie sich bewegten, sowohl zu den höchsten Schichten der Gesellschaft als auch zu den niedrigsten. Ich fand diese Freiheit immer sehr beeindruckend, sich nicht so einfach von einer Kategorie oder Gruppe einschränken zu lassen. Meine Motivation beim JRS an der Seite der Geflüchteten sein war also genau in dieser Linie: auch in den schwierigen und oft unsichtbaren Situationen anwesend sein.

Kannst du eine besonders prägende Geschichte oder Begegnung aus der Härtefallberatung schildern, die dir im Gedächtnis geblieben ist – und warum?

Einer der härtesten Fälle für mich war eine Roma Familie aus Bosnien. An einem Mittwoch ist eine Mutter zur Härtefallberatung gekommen, mit drei minderjährigen Kindern und ihrem ältesten Sohn, der in Deutschland schon arbeitet. Er ist der einzige, der gut Deutsch sprechen kann. Er hat übersetzt und die Situation erklärt. Seine Geschwister und Mutter müssen die Bundesrepublik verlassen. Der jüngste Sohn ist aber schwer körperlich behindert und braucht intensive medizinische Pflege. Alle drei Kinder sind in Berlin geboren, aber die Familie ist nie lange in Deutschland geblieben. Abhängig vom Asylverfahren pendeln sie immer zwischen Bosnien und Deutschland. In Bosnien keine Perspektiven, in Deutschland kein fester Aufenthalt. Der Schulbesuch der Kinder ist nur partiell.

Sie haben ein Schreiben von der Charité dabei, in dem steht, dass der jüngste Sohn wegen seiner Gesundheit nicht ausreisen darf und dass er außerhalb der EU nicht adäquat gepflegt werden würde. Das würde sein Leben bedrohen. Auf dieser Grundlage erteilt die Ausländerbehörde eine Duldung. Dadurch ergibt sich eine rechtliche Möglichkeit, die zunächst geprüft werden muss und der Familie möglicherweise eine neue Perspektive eröffnet, die wir nun weiter auszuarbeiten versuchen.

Diese Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil sie ganz deutlich zeigt, wie kompliziert alle diese Aufenthaltsfragen sind. Einerseits kann man die Perspektive der Behörde sehen - eine Familie, die von Sozialhilfe lebt, nicht Deutsch kann und ohne einen offensichtlichen Asylgrund, die immer neu versucht, in Deutschland zu bleiben. Andererseits sieht man aber eine Mutter in Schwierigkeiten, die sich in einem System befindet, das sie nicht begreift, mit zwei Kindern, die pendelnd aufgewachsen sind ohne große Perspektiven, und jetzt auch ein schwerbehinderter Sohn, der intensive Pflege braucht.

Solche Situationen kann man nicht lösen. Man kann ein bisschen helfen und die Lage etwas verbessern. Man hat darauf keine Antworten und muss es einfach begleiten mit dem Glauben, dass das hier doch nicht der Schluss ist.

Welche Rolle spielt das Sprachcafé für die Menschen, die du dort triffst?

Das Sprachcafé ist meiner Meinung nach ein wichtiger Ort, der nicht nur der Hilfe mit der Sprache dient, sondern auch eine Möglichkeit ist, sich miteinander zu treffen, zu reden. Es bietet auch eine Struktur, wie man seine Abende verbringen kann. Das klingt vielleicht ein bisschen banal, aber in einer Fluchtsituation kann das schon viel bedeuten, wenn man zum Beispiel keine Arbeitserlaubnis hat, keine Bekannten und soziale Kontakte in diesem Land, und sonst die einzige Tätigkeit das Verwalten des eigenen Asylverfahrens ist.

Gab es einen Moment, in dem du Hoffnung oder Freude bei einem Klienten erleben konntest?

Freude habe ich meistens im Kontakt mit Geflüchteten erlebt, denen vom JRS in der Vergangenheit schon geholfen wurde, und jetzt wohnen sie gesichert in Deutschland mit einer Arbeit oder Ausbildung. Der Weg war oft lang und anstrengend, aber jetzt sind sie gut integriert hier. Wenn ich sie sehe, dann kann ich ehrlich sagen: ja, schön, dass du da bist! Du bist hier eine Bereicherung. Wir können uns darüber freuen.

Welche strukturellen oder rechtlichen Herausforderungen hast du in deiner Arbeit beobachtet, und wie beeinflussen diese die Begleitung von Geflüchteten?

Am Umgang mit Geflüchteten ist es sicher am schwierigsten, die Kluft zwischen verschiedenen Welten und Kulturen zu überbrücken. Die Menschen kommen oft aus Umgebungen, wo die ganze Gesellschaft ganz anders funktioniert. Man hat keine Nachweise, Anträge, Anerkennungen und auch die ganze Bildung sieht anders aus und ist meistens viel kürzer. Plötzlich befinden sie sich in einer Gesellschaft, wo ohne all dies nichts möglich ist. Sie befinden sich in langen Verfahren, die sie als frustrierend erleben. Das ist natürlich verständlich. Die Herausforderung ist dann, Geduld zu behalten.

Wie hat die Arbeit beim JRS deine Perspektive auf Migration, Flucht und gesellschaftliche Verantwortung verändert?

Im JRS habe ich hauptsächlich entdeckt, dass diese Fragen keine einfachen Lösungen bieten. Mit der heutigen Verbundenheit der globalen Welt werden die Schicksale immer komplizierter - unsere Rechtssysteme reichen dafür oft gar nicht und können vielleicht auch prinzipiell nicht reichen. Wir brauchen diese Strukturen. Ohne sie wäre das gesellschaftliche Leben nicht möglich, aber wir müssen auch ihre Grenzen anerkennen. Generell würde ich sagen, dass obwohl Flucht und Migration selbstverständlich viele Herausforderungen darstellen, bieten sie für uns auch viele Möglichkeiten und die Anwesenheit von diesen Menschen ist letztendlich eine Bereicherung für uns. Man muss aber geduldig bleiben, weil Integrationsprozesse sehr lang dauern können.

Was möchtest du Menschen vermitteln, die bisher wenig Berührungspunkte mit Flucht und Asyl hatten, und wie können sie konkret unterstützen?

Ich würde empfehlen, persönlichen Kontakt mit Geflüchteten zu haben. Das kann uns ein realistisches Bild von den Menschen geben. Man erlebt dann, dass sie keine Monster sind, oder man kann auf der anderen Seite irgendwelche unrealistischen idealisierten Bilder von Geflüchteten abschaffen. Dann kommt man erst in Kontakt und man kann so erfahren, wer die Geflüchteten sind und was sie auch brauchen. Das sind zwar manchmal unlösbare Probleme, wo man nur schweigen und begleiten kann, aber oft sind das auch kleine praktische Sachen, mit denen man ganz einfach und gerne helfen kann. Dafür muss man sich aberkennen und im Gespräch sein - sonst wird man davon nie erfahren und nur die Schlagzeilen in Nachrichten lesen.

 

 

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